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Online- und Offlinehandel müssen bruchfrei verschmelzen

Der Schweizer Handel ist gefordert wie noch selten zuvor. Zunehmend leere Verkaufsflächen zeugen vom schweren Stand, den das stationäre gegenüber dem Onlinegeschäft hat. Neue Trends und Innovationen sollen den Weg in den Handel der Zukunft ebnen. Doch wie sollen Unternehmen wissen, welche Trends für sie relevant sind? Dr. Raphael Pfarrer, Director GS1 Consulting bei GS1 Switzerland, gibt einen Überblick.

GS1 network: Wie innovativ ist der Schweizer Handel?
Raphael Pfarrer: Vor fünf Jahren hätte ich gesagt: gar nicht. Der Handel hat eher zurückhaltend auf Trends und Entwicklungen reagiert. Heute sage ich: Der Schweizer Handel arbeitet intensiv daran, den Innovationsrückstand aufzuholen. Er hat schon vieles erreicht, ist aber gegenüber ausländischen Märkten immer noch um zwei, drei Jahre im Rückstand.

Welche Trends und Innovationen sind im Schweizer Handel zurzeit aktuell?
Die grösste und wichtigste Veränderung ist sicherlich die Verschiebung der Umsätze vom stationären in den Onlinehandel. Und online heisst immer auch mobil, was neue Vertriebsmodelle und eine neue Kundenansprache nötig macht. Zudem kommen nun die Millennials, die erste voll digitalisierte Generation, langsam ins Konsumalter. Sie haben ein komplett anderes Konsum- und Kommunikationsverhalten als die gegenwärtige Generation, wollen alles sofort und zu einem guten Preis.

Ist der Schweizer Handel bereit für die Millennials?
Noch nicht vollständig. Lange Zeit blieb er von den Konsequenzen des Wandels verschont, doch nun stehen zunehmend stationäre Verkaufsflächen leer oder werden umgenutzt. Grosse Märkte haben in den Innenstädten fast keine Chance mehr, eher die kleinflächigeren Formate. Die heutige Generation geht immer mehr weg vom Wocheneinkauf hin zu Convenience- Produkten und zum unmittelbaren Konsum. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken, denn die Babyboomer, die zurzeit die grösste Kaufkraft haben, werden aus dem klassischen Konsum wegfallen respektive die verfügbaren Mittel auf andere Bereiche verschieben wie beispielsweise die Gesundheitsvorsorge.

Muss der stationäre Handel gerettet werden?
Der stationäre Handel hat nicht grundsätzlich ein Recht auf Schutz. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Miteinander. Letztendlich ist der Onlinehandel genauso Handel, einfach mit anderen Mitteln. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Handel immer durch disruptive Veränderungen geprägt gewesen ist. Denken Sie nur an die automatisierte Kasse oder die Selfpay-Systeme.

Wie kann der Schweizer Handel den Überblick über die Entwicklungen behalten?
Für kleine und mittelständische Unternehmen ist das Beobachten von Trends und Innovationen aufgrund der zunehmenden Komplexität der Konsumwelt tatsächlich schwierig. GS1 hat historisch gesehen den Auftrag von Handel und Industrie, Unternehmen mit den Standards und Prozessen Instrumente an die Hand zu geben, mit denen sie die Zukunft besser meistern können.

Vor diesem Hintergrund hat GS1 Switzerland die neue Trendplattform Future Retail Switzerland ins Leben gerufen, die mit einem kollaborativen Ansatz Zukunftsszenarien für den Schweizer Handel entwickelt. Die Plattform wird die verschiedenen Treiber auf unterschiedlichen Ebenen darstellen und unterstützt die Unternehmen dabei, sich über ihre eigenen strategischen Handlungsoptionen klarzuwerden. Sie sollten sich dann nur noch in den Feldern betätigen, in denen sie auch etwas verändern können.

Wie wollen Sie die Trends und Innovationen ausloten?
Das wird ein mehrstufiges Verfahren sein. GS1 Switzerland wird in Zusammenarbeit mit der Universität Fribourg die grossen Zusammenhänge erarbeiten. Im Anschluss werden Experten dazu befragt, und es finden Workshops mit den Trägern und Sponsoren von Future Retail Switzerland statt, an denen die Handlungsanweisungen entwickelt werden. Diese können dann individuell im Unternehmen umgesetzt werden, allein oder mit Unterstützung von Beratern, die in System- und Prozessanpassungen erfahren sind.

Wie unterscheidet sich Future Retail Switzerland von anderen Trendradars im deutschsprachigen Raum?
Future Retail Switzerland wird nicht einfach Trends und Innovationen aufzeigen und auflisten. Wir reichern diese mit Handlungskompetenz auf verschiedenen Ebenen spezifisch für den Schweizer Markt an.

Wie sieht der Schweizer Handel der Zukunft aus? Ich teile die Vision von Jack Ma, dem Gründer von Alibaba, des neuen Detailhandels ohne Grenzen zwischen online oder offline. Wir sollten in einen Laden gehen können, einen Teil stationär kaufen und den Rest direkt im Laden nach Hause ordern. Die bruchfreie Nutzung aller Kanäle ist zwar keine Vision mehr, muss aber für ein optimales Kundenerlebnis und eine optimale Fokussierung auf den Kunden in den kommenden Jahren umgesetzt werden. Je nach Sortiment und geografischer Lage wird es andere Ladenformate und eine viel stärkere Diversifizierung geben.

Welche Innovation im Handel fehlt Ihnen persönlich noch?
Im Foodbereich ist das Onlineangebot nach wie vor kleiner als das stationäre. Hier erhoffe ich mir eine Angleichung.

Die Fragen stellte Claudia Schön.
 

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