gs1-neton-header-02.jpg

«Das Interesse am GS1 System ist sehr gross»

Das Gesundheitswesen wird digitalisiert – und Standards von GS1 spielen dabei eine tragende Rolle. Bedside Scanning und das elektronische Patientendossier erfordern schweizweit und organisationsübergreifend standardisierte Daten, die Medical Device Regulation verlangt das europaweit. Roland Weibel, seit Juli 2018 neuer Branchenmanager Gesundheitswesen bei GS1 Switzerland, zeigt, wo die Branche heute steht und womit sie sich morgen befassen wird.

GS1 network: Welche Länder setzen die GS1 Standards im Gesundheitswesen bereits vorbildlich ein und was hat dazu geführt?
Roland Weibel: Die Schweiz gehört auf alle Fälle dazu. Eine Rangliste wie bei einer Tennismeisterschaft kann ich aber nicht so einfach erstellen. In verschiedenen Ländern sind heute unterschiedliche Teillösungen mit unterschiedlichem Reifegrad bei den verschiedenen Marktpartnern im Einsatz.
In der Schweiz findet man, wie auch in Holland, Belgien, Deutschland, Österreich, Grossbritannien, Australien und den skandinavischen Ländern, zahlreiche gelungene Umsetzungen von Bedside Scanning bei der Medikamentenabgabe im Spital.

Welche Vorteile bringen die GS1 Standards beim Bedside Scanning genau?
Der Prozess startet am Patientenbett mit dem Scannen des Patientenarmbands, des zu verabreichenden Medikaments und des Personalausweises der Pflegefachkraft. Das Klinikinformationssystem überprüft, ob für diesen Patienten eine entsprechende Medikation vorliegt. Gleichzeitig werden bekannte Kontraindikationen und Überempfindlichkeiten abgefragt. Erst dann erfolgt die Bestätigung des Vorgangs durch das Informationssystem.
Die aus dem Bedside Scanning gewonnenen Daten werden in die Krankengeschichte übertragen. So wird die Medikamentenabgabe der Verordnung entsprechend dokumentiert, die Bestandsnachführung auf der Station und in der Spitalpharmazie aktualisiert und ein Eintrag für die Patientenabrechnung vorgenommen. Das erhöht die Patientensicherheit und macht die Prozesse effizienter und effektiver.
Durch das Bedside Scanning werden die Pflegefachleute von administrativen Aufgaben entlastet und können sich auf ihre Kernkompetenzen kon- zentrieren. Ausgereifte Anwendungen sind auch im Operationssaal und bei der Sterilgut-Handhabung anzutreffen.

Die Spitäler nutzen die GS1 Standards aber sicher auch in der Beschaffung und Logistik?
Beschaffung und Logistik sind zwei grosse Einsatzgebiete. Hier beschreiten die Spitäler zusammen mit ihren Lieferanten neue Wege, wenn es um die Identifikation und Auszeichnung von Produkten und den Austausch von Stamm- und Bewegungsdaten geht. Es lässt sich feststellen, dass hier gute partnerschaftliche und ausgewogene Lösungen bestehen, die beiden Partnern Effizienzsteigerungen erlauben.

Wie sieht das im Detail aus?
Viele der Lieferanten entscheiden sich beispielsweise für den Stammdatenaustausch über das Global Data Synchronisation Network (GDSN), einen Austauschstandard für Stammdaten. Dieser Standard erlaubt es ihnen, mit einer einzigen Schnittstelle alle ihre Kunden und Industriepartner, aber auch die UDI-Datenbanken mit Daten zu beliefern.
Auch erste Spitäler erkennen die Vorteile des GDSN, vor allem des Subscription- Verfahrens. Das ist eine Art Abonnement für ausgewählte Datensätze. Wenn der Hersteller seine Datensätze aktualisiert, fliessen diese Informationen dadurch automatisch in die Spitalsysteme ein. Wegen dieser Vorteile folgen die ersten Schweizer Spitäler der globalen Tendenz, beispielsweise Artikelstammdaten über das GDSN auszutauschen.

Die GS1 Systemarchitektur müsste im Schweizer Gesundheitswesen also recht gut sichtbar sein, oder täuscht der Eindruck?
Es ist genau so. Mit wenigen Ausnahmen sind heute die Medikamente mit einer Global Trade Item Number (GTIN) ausgezeichnet und werden damit identifiziert. Die Spezialitätenliste verwendet die GTIN, um die von den Krankenkassen übernommenen Medikamente zu listen. Die Stamm- und Bewegungsdatentransaktionen zwischen Spitälern, Gesundheitsorganisationen und Unternehmen nehmen stark zu.
Weiter wird im elektronischen Patientendossier im Rahmen des nationalen Master Patient Index ein GS1 Identifikationsschlüssel eingesetzt. Ein Grossteil der Leistungsabrechnung im Gesundheitswesen basiert auf der nationalen Lösung der Partneridentifikation im Gesundheitswesen, die auf der von GS1 vergebenen Global Location Number (GLN) aufbaut.
Und schliesslich hat GS1 Switzerland regen Zulauf aus dem Gesundheitswesen: Die Mitgliederzahlen wachsen im zweistelligen Prozentbereich. Unsere Seminare werden rege besucht und die von GS1 Switzerland angebotene Beratung und Unterstützung erfährt eine starke Nachfrage. Also ich denke, die GS1 Systemarchitektur ist auf dem Schweizer Gesundheitsmarkt sehr gut sichtbar.

Wie geht es mit der Umsetzung von GS1 Standards im Gesundheitswesen weiter?
Wir haben heute sicher eine gute Basis, die sich kontinuierlich weiterentwickelt. Ich gehe davon aus, dass die Schweiz auch in den kommenden Jahren zum ersten Drittel der eingangs erwähnten Rangliste gehört. Das Interesse am GS1 System ist weiterhin sehr gross. Noch in keinem Jahr wurden ich und meine Kollegen Christian Hay und Erwin Zetz zu so vielen Veranstaltungen und Workshops eingeladen wie 2018.

Gibt es Akteure mit Nachholbedarf? Wie werden sie die Wissenslücke schliessen?
Altersheime und Spitex-Organisationen sind etwas zögerlich auf den Zug der Digitalisierung aufgesprungen. Sie werden in den kommenden Jahren aber sicher aufholen. Ich bin überzeugt, dass unser heutiges Angebot verschiediesen Organisationen als Wissensquelle nützen wird. Wir sind flexibel genug, uns den spezifischen Bedürfnissen von Altersheimen und Spitex- Organisationen anzupassen.
Die Fachgruppe Beschaffung im Gesundheitswesen (BiG) hat wichtige Anwendungsempfehlungen und Positionspapiere für das Gesundheitswesen erarbeitet. Was sind die nächsten Schritte?
Seit ihrer Gründung vor sechs Jahren hat diese Fachgruppe sehr viele Arbeiten erledigt, viel Überzeugungsarbeit geleistet und Lösungen umgesetzt. Es wurden drei GS1 Systemtagungen Healthcare durchgeführt, die in Basel und Bern einen regen Austausch zwischen den Teilnehmenden angeregt haben.
Aktuell ist die überarbeitete «Anwendungsempfehlung Supply Chain Prozesse im Schweizer Gesundheitswesen » erwähnenswert. Sie enthält die neuesten Erkenntnisse und Erfahrungen aus zwei weiteren Jahren auf der Lernkurve. Zudem wurden die technischen Dokumentationen und Nachrichten für den Stammdatenaustausch und den automatisierten O2C-Cycle erarbeitet, welche die Grundlagen für einen standardisierten Datenaustausch und digitale Geschäftsprozesse bilden und dadurch auch eine Interoperabilität zwischen den einzelnen Marktpartnern und Dienstleistern ermöglichen.

Vor welchen Herausforderungen steht das Schweizer Gesundheitswesen?
Im Zeitalter der Digitalisierung sind das die gleichen Herausforderungen, denen sich auch andere Branchen stellen müssen. Einige möchte ich hier aber ausführlicher skizzieren.
Eine treibende Kraft sind die Gesetze und Verordnungen, welche die Hersteller erfüllen müssen. Wegen der Medical Device Regulation müssen künftig alle Medizinprodukte mit einer Unique Device Identification eindeutig identifizierbar sein. Die Produktstammdaten müssen in einer zentralen Unique-Device- Produkt-Datenbank verfügbar sein. Hinzu kommt, dass die Kennzeichnung menschen- und maschinenlesbar sein muss.
Ein weiterer Punkt ist das elektronische Patientendossier, welches auf Wunsch eines Patienten zu eröffnen und mit Inhalt zu versehen ist. Also müssen Identifikationssysteme für alle Objekte entlang der Supply Chain eindeutig und durchgängig eingesetzt werden und sich im Patientendossier wiederfinden.
Die EU-Richtlinie 2011/62 zur Fälschungssicherheit von Arzneimitteln verlangt, dass insbesondere verschreibungspflichtige Arzneimittel zukünftig menschen- und maschinenlesbar mit einem eindeutigen Identifikationsschlüssel und einer Seriennummer identifiziert und vor der Abgabe durch ein Verifikationssystem geprüft werden müssen, um das Einschleusen von gefälschten Produkten in die ordentliche Supply Chain zu verhindern.
Die IT-Systeme im Gesundheitswesen sind sehr komplex und man kann nicht die gesamte Systemlandschaft auf einen Stichtag hin erneuern. Die Digitalisierung kann nur schrittweise erfolgen, und das im laufenden Betrieb. Diese Aufgabe ist äusserst anspruchsvoll in der Umsetzung und bremst eine Technologieablösung teilweise auch aus.
Schliesslich spielt auch die menschliche Komponente eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wie bringe ich langjährige Mitarbeitende dazu, sich von lieb gewonnenen Systemen und Prozessen zu lösen, die ja auch gut funktioniert haben?
Für die Leiter von Logistik und Einkauf stellt sich die Frage, wie sie von der Geschäftsleitung genug Aufmerksamkeit gewinnen, um für ihre Digitalisierungsprojekte die nötigen Ressourcen zu erhalten. Wie werden sie gewachsene Institutionen davon überzeugen, teilweise proprietäre Systeme durch offene Standards zu ersetzen, seien es nun diejenigen von GS1 oder von IHE?

Wie unterstützt GS1 Switzerland das Gesundheitswesen bei diesem Change?
Bei der Unterstützung des Gesundheitswesens folgen wir unserer Vision und Mission. Im Zentrum steht das GS1 System. Rund um dieses bieten wir Mehrwerte an, indem wir bilden, beraten, verbinden, Wissen vermitteln und standardisieren. Den Markterfordernissen folgend haben wir unser Bildungsangebot angepasst und mehrere Seminare speziell für die Bedürfnisse des Gesundheitswesens konzipiert. Im Jahr 2018 haben wir schon deutlich mehr als hundert Teilnehmende aus dieser Branche geschult. Durch unsere Fachspezialisten und mit unseren umfangreichen Publikationen vermitteln wir Wissen.
Ausserdem bieten wir der Branche eine thematisch fokussierte Vernetzungsplattform an und verbinden verschiediesendene Akteure: mit unserem eigenen breiten Netzwerk sowie Fachbeiräten, Fach- und Arbeitsgruppen und dem Multistakeholder-Projekt «Spital der Zukunft». Darüber hinaus haben wir flexible Beratungsangebote, mit denen wir unsere Mitglieder in einem ganzheitlichen Approach oder bei gezielten einzelnen Fragestellungen unterstützen. Dieses Angebot wird von Spitälern und Unternehmen aus der Gesundheitsbranche gleichermassen genutzt.

Wie reagiert die Branche auf das Angebot?
Nach meiner erst recht kurzen Zeit im Amt habe ich bisher vor allem Rückmeldungen von Mitgliedern, welche die Veränderungen aktiv verfolgen. Diese Reaktionen sind durchaus positiv und zeigen natürlich auch eine Erwartungshaltung, der wir in den kommenden Monaten und Jahren gerecht werden wollen.

Das Interview führte Joachim Heldt.

Nach oben