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"Die Anwendung läuft sehr stabil und sehr effizient"

alt(as) Vor zwei Jahren hat Victorinox mit einem RFID-Projekt den Swiss Logistics Award gewonnen. RFID-Tags auf den Parfumflaschen der hauseigenen Marken sollten zur höheren Fälschungssicherheit der Produkte und zu einer optimierten Supply Chain führen. Heute sind diese Ziele vollumfänglich erreicht worden. Der Einsatz von RFID im Alltag hat aber noch einige anspruchsvolle technische Aufgaben mit sich gebracht, wie Bruno Lifart berichtet. Er begleitet das Projekt als externer Projektleiter; sein Unternehmen ist die Bruno Lifart Consulting in Rickenbach SZ.

 

GS1 network: Den Swiss Logistics Award haben Sie bereits vor zwei Jahren erhalten, doch wie zeigt sich die RFID-Anwendung nun im Betriebsalltag?
Bruno Lifart: Die Anwendung läuft mit eingefahrenen Produkten sehr stabil und sehr effizient. Die Überwachung kann mit wenigen Ausnahmen als lückenlos bezeichnet werden. Auch das Wiederbeschreiben der Tags bei der amerikanischen Tochter läuft grundsätzlich sehr gut.

Wie gelang die Integration der ganzen Produktionskette, vom Abfüller über Transporteur bis an den POS?
Das war kein Problem. Der Abfüller ASM in Möhlin hat sehr gut mitgemacht. Er hat jedoch keine RFID-Kompetenz im technologischen Sinn und führt nur Arbeiten aus. Wenn die Anlage nicht läuft, ist er auf unsere Hilfe angewiesen.

Wie werden die RFIDTags im Produktionsprozess integriert?
Die Produktion findet unabhängig von der RFID-Ausstattung statt. Der Prozess des Befüllens der Flakons und der Montage der Sprühköpfe ist von der RFID-Anlage entkoppelt. Damit wird vermieden, dass die Produktion stillsteht, wenn RFID ein Problem hat. Das hat auch ganz praktische Vorteile, weil in der Parfumabfüllung nun die Hygiene wesentlich besser ist, als wenn dort bereits Kartonteile mit von der Partie wären. Der Nachteil ist hingegen ein aufwendigerer Produktionsablauf, bei dem die gleichen Teile zweimal bearbeitet werden müssen.

Wie läuft das Tracking der Ware, können Sie dazu eine Fehlerquote nennen?
Die Anzahl der Tags, die nicht gelesen werden können, liegt derzeit im Promillebereich. Wir sind in einem laufenden Verbesserungsprozess begriffen.
Die Ausnahmen werden derzeit strukturiert aufgenommen, um dann Verbesserungen einzuleiten.

Stimmt die Fälschungs- und Manipulationssicherheit der Tags?
Dort wurden unsere Erwartungen absolut erfüllt. Seit der Lancierung der RFID-Tags haben wir in unseren Vertriebskanälen keine Fälschungen von Victorinox-Parfum mehr gefunden. Das gleiche Bild bot sich bei fliegenden Kontrollen beispielsweise auf Schwarzmarktbasaren. Der US-amerikanische Zoll beschlagnahmt zudem gefälschte Ware. Es sieht so aus, als ob sich die Fälscher vom Produkt abgewendet haben. Das war auch das absolute Hauptziel der Kampagne. Es ist vor allem in qualitativer Hinsicht für Konsumenten erfreulich, denn minderwertige Produktfälschungen sind manchmal auch hautschädlich. Derzeit läuft in den USA ferner ein umfangreicher Prozess gegen einen dank RFID überführten Fälscher. Dank den Tags können wir jetzt eine hundertprozentige Beweissicherheit bieten.

Ein weiteres Problem ist ja auch der Graumarkthandel mit Originalprodukten.
Wir können jetzt auch Graumarktaktivitäten beweisen und zu Gegenmassnahmen greifen. Überführte Graumarktdistributoren werden nicht mehr beliefert. Insgesamt ist dieses Thema jedoch weniger dramatisch, weil es hier letztlich um die Preisgestaltung geht und die Produkte in Originalqualität vorliegen.

Was berichten der Zoll und die fliegenden Kontrolleure?
Hier geht es vor allem um den US-Zoll, denn die USA waren der grösste und am stärksten mit Fälschungen unterwanderte Markt. Die Kontrollen stellen kein Problem dar. Man möchte sie aber noch einfacher machen. Teils waren die für die Handheld-Geräte benötigten Lesestifte zeitweise nicht verfügbar, doch das Problem ist behoben. Sogar unser US-Anwalt nutzt ein eigenes Handheld, mit dem er im Laden direkte Kontrollen machen kann. Als Urkundsperson haben seine Feststellungen gegenüber Gerichten ein anderes Gewicht, und die notwendige Beweisqualität ist per sofort gegeben.

Wie kann man sich die fliegenden Kontrollen vorstellen?
Das sind Mitarbeiter von Victorinox, die auf Reisen Produkte im Laden oder nach einem Kauf testen. Hinweise, wo man suchen soll, sind beispielsweise besonders günstige Preise, weil Fälschungen und Graumarktprodukte einfach günstiger als das Original vertrieben werden. Zudem bekommt man auch Tipps von seriösen Kunden, wenn solche verdächtigen Sonderangebote auftauchen.

Was wurde bisher nachgebessert?
Die Codifizierung wurde weiter verbessert. Diverse User Interfaces wurden vereinfacht, das soll noch weitergetrieben werden. Zudem braucht es noch Anpassungen beim Exception Management. Wenn beispielsweise in einer Verpackung für 48 Stück nur 46 Tags gelesen werden können, wie findet man dann die zwei fehlenden oder defekten Stücke? Oder was kann man tun, wenn nach 30 Stück die Antenne versagt? Ziel ist, dass man dann weiterarbeiten kann, ohne doppelt einzulesen. Man muss also Ausnahmen zulassen und die erfassten Daten sicher verwalten können.

Wurden die Budgetvorgaben eigentlich eingehalten?
Die Vorgaben waren 0,75 Prozent des Verkaufspreises, und sie wurden eingehalten. Wir möchten aber die Total Cost of Ownership noch weiter reduzieren und in die Grössenordnung von 0,5 Prozent kommen. Viele Vorgänge sind beispielsweise noch manuell. Wir arbeiten zurzeit daran, mit einem Verpackungsspezialisten eine Lösung zu bauen, bei der die Tags direkt in den Karton eingebaut oder aufge- klebt werden können. Die Entwicklung läuft schon seit einem Jahr, doch wir haben noch keine produktionsfähige Lösung gefunden. Die Tags müssen nach dem Einbau nämlich noch funktionsfähig sein. Das automatische Applizieren in oder auf eine Verpackung ist deshalb schwierig. Die Tags sind eine filigrane Konstruktion – man kann sie nicht einfach mit einer Rolle auf den Karton drücken, denn dann sind sie kaputt.

Welche Schwierigkeiten zeigten sich im Alltagsbetrieb ausserdem?
Insgesamt handelt es sich um ein anspruchsvolles Projekt. Das Anspruchsvolle sind hierbei nicht die Tags, bei denen gibt es keine Probleme. Anspruchsvoll sind vielmehr das Zusammenspiel der Tags mit den Antennen und die mehrfache Lesung und Wiederbeschreibung der Tags. Hier müssen verschiedene eingesetzte Systeme zusammenspielen, damit der Weg des Produkts exakt zurückverfolgt werden kann. Das Zusammenspiel von Tags und den verschiedenen Systemen wie ERP und tragbare Lesegeräte ist sehr komplex. Das macht auch die Maintenance anspruchsvoll und aufwendig. Wir stellen auch fest, dass die Verpackung selbst einige Anforderungen stellt. Parfum wird oft speziell verpackt, teils kommen aluminium- oder metallhaltige Farben zum Einsatz. Die Kombination von Flüssigkeit, Metall und metallisierter Verpackung bringt einiges mit sich, wenn RFID am Ende noch funktionieren soll. Die metallisierten Farben können Tags beispielsweise so sehr abschirmen, dass sie gar nicht mehr ansprechbar sind.

Wie gehen Sie an diese Probleme heran, die Fertigung muss schliesslich laufen?
Wir haben dazu in Ibach eine Mutteranlage gebaut, die seit sechs Monaten die Basis aller Entwicklungsarbeiten ist. Dort können nun alle Änderungen, sei es an Tags oder Flakons, getestet werden, bevor man in die Produktion hineingeht. Denn dort möchten wir möglichst wenig Störungen haben. Allerdings ist es so, dass auch eine zur Mutteranlage identische Anlage nicht immer gleich reagiert, weil das weitere Umfeld ebenfalls eine Rolle spielt. Da kann schon ein Trafo in fünf Metern Entfernung etwas ausmachen. Wir haben das teilweise unterschätzt. Die Anlage in Ibach hat beispielsweise einen Holztisch ohne Nägel oder Schrauben, weil schon das das Magnetfeld der Antenne stören kann. Mal gibt es eine Verstärkung, mal das Gegenteil. Wir müssen teilweise wie in einem Labor alles austesten.

Das klingt nun sehr aufwendig.
Es gibt in der Tat keine Erfahrungswerte mit einer solchen Anlage. Wir haben sogar eine eigene Detektordiode entwickelt, um herauszufinden wo das Magnetfeld am stärksten ist. Es ist manchmal wirklich überraschend, wie sich die Feldstärke verschiebt, wenn man mit Metall in die Nähe des Feldes kommt.

Was geschieht mit den Ergebnissen?
Wenn eindeutig störende Faktoren bekannt sind, versuchen wir auch Einfluss auf die Produktgestaltung zu nehmen.

Wieweit ist der Tag-Hersteller in Ihre Arbeiten involviert?
Über unseren RFID-Technologieberater, Herrn Martin Kuster von Parrot’s Technology in Zug, besteht erstklassiger Support von Texas Instruments, der direkt von der Forschungsabteilung geleistet wird. Wir legen beispielsweise gemeinsam fest, wo die Tags am besten zu positionieren sind, damit eine möglichst hohe Lese-und Schreibrate erzielt wird.

Ist der RFID-Einsatz bei Victorinox noch in weiteren Anwendungen geplant?
Der Einsatz in Schlüsselprodukten wie Uhren und Gepäck ist durchaus vorgesehen. Derzeit aber hat Victorinox intern noch andere Prioritäten und will das RFID-Projekt noch nicht ausweiten. Vor allem sind die Schlüsselpersonen derzeit bereits gesamthaft ausgelastet.

Welche anderen IDTechnologien halten Sie für attraktiv?
Man muss Prioritäten setzen. Wir möchten vorläufig bei RFID bleiben und das mit den normalen GS1 Produkten in der Kommissionierung oder Produktionssteuerung ergänzen. Dort wird unverschlüsselt gearbeitet, und es geht nicht um den Produktschutz.

Haben andere industrielle Firmen schon Interesse am Konzept gezeigt?
Wir haben fast wöchentlich diverse Anfragen. Es besteht grosses Interesse an unseren Erfahrungen und den technischen Möglichkeiten. Es ist für uns jedoch ganz einfach zeitlich schwierig, hier allen gerecht zu werden.

Die Fragen stellte Alexander Saheb.

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