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Stürmische Zeit

Textil- und Bekleidungsbranche leidet unter der schlechten wirtschaftlichen Situation Die stark exportorientierte Textilindustrie, die Ende 2010 noch rund 14 000 Personen in der Schweiz beschäftigte, durchläuft infolge der Eurokrise derzeit eine existenziell bedrohliche Phase.

 

 

(bs) «Für das Jahr 2011 sind die Aussichten alles andere als sicher», klagte der Textilverband Schweiz (TVS) an der Jahresmedienkonferenz Ende April 2011 und untermauerte die Aussage mit harten Fakten: Die Wertschöpfung der Branche ist 2010 weiter gesunken, nämlich um 1,6 Prozent auf 1,14 Milliarden Franken, bei den Exporten resultierte ein Minus von 7,5 Prozent. Während sich dabei die Exportsituation der Textilindustrie verbessert hat (+4,1 Prozent auf 1,67 Milliarden Franken), musste die Bekleidungsindustrie bei den Ausfuhren gar einen Einbruch um 17,8 Prozent auf 1,48 Milliarden Franken hinnehmen.

Die negative Währungssituation habe die Exportfirmen gezwungen, ihre Preise weiter zu senken, was sich gravierend auf die Margen auswirke. In der Bekleidungsindustrie sei dadurch die Überlebensfähigkeit vieler Unternehmen gefährdet, hiess es an der Medienkonferenz. Fazit: Die stark exportorientierte Branche leidet unter der schlechten wirtschaftlichen Situation in den Absatzmärkten, dem anhaltenden Preiskampf und vor allem unter dem starken Franken. Diese Situation wirkt sich auch auf die Beschäftigungslage aus. Ende 2010 arbeiteten in der schweizerischen Textilund Bekleidungsindustrie noch rund 14 000 Personen, das sind 2,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Allerdings gab es im zurückliegenden Geschäftsjahr auch Lichtblicke. In den zehn wichtigsten Absatzmärkten erhöhte sich die Nachfrage nach Schweizer Textilien immerhin um 10,6 Prozent. China, Grossbritannien, die USA und die Türkei verzeichneten gar Zunahmen von 20 bis 30 Prozent, nach Deutschland haben sich die Bekleidungsexporte beinahe verdoppelt.

Hintergrund
Die Textilindustrie ist der älteste Industriezweig der Schweiz. Bereits im 18. Jahrhundert galt sie in Europa als hochrangiges Exportgut. Noch heute wird der grösste Teil der schweizerischen Produktion exportiert. Der Schweizer Textilindustriemarkt teilt sich in drei Segmente auf: in die Bekleidungstextilien, die Heimtextilien (Vorhänge, Gardinen, Bettund Tischwäsche, Textilien für Küche und Bad, Möbelstoffe und Teppiche) und die technischen Textilien (vorwiegend in den Branchen Transport, Fahrzeugund Flugzeugbau, Landschaftsgestaltung und Strassenbau, Sicherheit, Sport, Medizin und Umweltschutz).

Gegenläufige Entwicklung
Für die Schweiz ist die EU dank dem bestehenden Freihandelsvertrag zum Binnenmarkt geworden. Die Folge davon ist eine bedeutende Exportleistung, wie sie sich in der Zwirn Aussenhandelsbilanz der Schweiz widerspiegelt. Diese Exportentwicklung wäre noch viel bedeutender ausgefallen, wenn nicht gleichzeitig ein starker Verdrängungswettbewerb stattgefunden hätte, ausgelöst durch Produkte aus Niedriglohnländern, vorab im Kleidersektor, und verstärkt durch die Konkurrenz unter den europäischen An bietern. Dies führte zu einem starken Preisdruck für Zwirne, der die Margen der Zwirnereien schmälerte und die Schweizer Zwirnhersteller immer mehr in Spezialmärkte abdrängte. Die Schweizer Textilund Bekleidungsindustrie konzentriert sich heutzutage auf die Produktion von qualitativ hochstehenden Erzeugnissen – sei dies bei Produkten für den FashionBereich, bei den Heimtextilien oder im Zusammenhang mit technischen Textilien.

Erfolgreich dank Innovationen
Längst haben die Schweizer Textilfirmen auch erkannt, dass sie rasch auf die sich ändernden Marktbedürfnisse reagieren müssen – und sie handeln danach. So sind sie in der Lage, den kommenden Herausforderungen zu entsprechen, und bleiben nachhaltig erfolgreich. Der traditionelle Seilhersteller Jakob AG beispielsweise hat seine Produkte weiterentwickelt zu «Webnet», einer Netzstruktur, bei der Edelstahlseile mit Edelstahlhülsen zu Netzen mit individueller Maschenweite verarbeitet werden. Diese finden als Sicherungsnetze an Parkhäusern, als Schattendächer, Geländerfüllungen und für Zoogehege Verwendung. Aus den beschichteten Polyestergeweben der Ferrari Gruppe, die rezyklierbar sind, entstanden unter anderem das Eventzelt auf der Rigi, der deutsche Pavillon an der Expo 02, das Dach des Fussballstadions in Frankfurt am Main und textile Gebäudefassaden. Garnherstellung, Weberei und Beschichtung gehen in diesem Unternehmen Hand in Hand.

Bernhard Stricker

 

 

Aktuell

(bs) Stellungnahme des Textilverbandes Schweiz (TVS) zum Massnahmenpaket des Bundesrates. Der TVS befürwortet das von Bundesrat und Parlament verabschiedete Massnahmenpaket und schlägt weitere Sofortmassnahmen gegen die Frankenstärke vor:
Ein EuroWechselkurs von CHF 1.20 reicht nicht aus. Es soll ein Kurs, welcher der Kaufkraftparität entspricht, CHF 1.35 bis 1.40, so schnell wie möglich angestrebt werden.
KTIBeiträge müssen für 2011 und für das ganze Jahr 2012 aufgestockt werden. Zudem ist das Verfahren, um diese Gelder zu erhalten, zu vereinfachen.
Die Abgaben für SwissGrid (Systemdienstleistungen, KEV) sollten der exportorientierten Industrie temporär erlassen werden.

Art. 725 soll um einen weiteren Absatz ergänzt werden, damit bei Abwertung von Beteiligungen im Ausland infolge von Wechselkursveränderungen die Muttergesellschaft in der Schweiz keine Sanierungsmassnahmen einleiten muss.
Aktien von Unternehmen der Exportindustrie, deren Unternehmen Verluste schreiben und auf die Ausschüttung von Dividenden verzichten, sollten zu Null bewertet werden.
Die öffentliche Hand sollte im Beschaffungswesen die schweizerische Industrie prioritär berücksichtigen.
Der Bund sollte geeignete Anreize schaffen, damit Unternehmen bei Ersatzinvestitionen Anlagen mit verbesserter Energieeffizienz beschaffen.


 

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