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RFID steuert bei Gerry Weber die Supply Chain

Gerry Weber setzt auf RFIDDer deutsche Modekonzern Gerry Weber hat in Sachen RFID eine Pionierrolle. Das Unternehmen ist das erste, welches eine durchgängige Implementierung der Technologie in der Supply Chain realisiert hat.

(as) Das Pilotprojekt verlief 2009 erfolgreich, und anschliessend wurde die Technik flächendeckend implementiert. Nun setzt der deutsche Modekonzern Gerry Weber voll auf RFID. Seit Ende Januar 2011 werden alle Kollektionen mit einem RFID-Tag ausgeliefert. Das gilt sowohl für die Ware, die in die Hunderte eigener «Houses of Gerry Weber» (HoGW) geht, als auch für Ware, die an zahlreiche Einzelhandelspartner geliefert wird.

Im laufenden Jahr beträgt das vorgesehene Liefervolumen rund 28 Millionen Kleidungsstücke; davon gehen etwa 20 Prozent in die eigenen Stores. Wie Chief Information Officer Christian von Grone ausführt, sind alle HoGW an der Kasse und im Eingangsbereich mit RFID sowie RFID-fähigen Handlesegeräten ausgerüstet. Auch die Logistikdienstleister Fiege und Meyer & Meyer haben ihre Lager mit RFID-Technik ausgerüstet und kontrollieren und/ oder verbuchen damit den Wareneingang und -ausgang.

«Insgesamt haben wir sehr positive Erfahrungen mit der RFID-Einführung gemacht», stellt von Grone fest. Zwar habe es an der einen oder anderen Stelle gehakt, «aber wir haben alle auf- getretenen Probleme mithilfe unserer Partner lösen können.» Insbesondere brauchte es bei der Integration von RFID in die Logistik mehr als den erwarteten Aufwand. Allerdings sei RFID hier noch als Massanfertigung für die Umgebungsbedingungen zu verstehen, meint von Grone. Insgesamt investierte man 2,7 Millionen Euro in die Umrüstung, der grösste Teil davon entfiel auf die technische Ausrüstung der HoGW.


RFID wird eine Basistechnologie wie der EAN-Code
Das grösste Potenzial lag zudem nicht in der Logistik, sondern am POS. Dank RFID und der Produktserialisierung wurden für Bestandsführung, Qualitäts- sicherung, Nachschubsteuerung und allgemein alle warenbewegenden Prozesse mit wenig Aufwand höhere Genauigkeiten erreicht. Wesentliche Ersparnisse ergaben sich zudem aus dem Wegfall der bisherigen RF-Hardtags zur Warensicherung. Pro Teil waren das rund 30 Euro-Cent für Anbringung, Entfernung, Zurückführung und allfällige Erneuerung der Tags. Ausserdem wurden durch eine verringerte Reklamationsquote der Kunden – nun werden 100 Prozent des Warenausgangs kontrolliert – nochmals sechsstellige Beträge gespart. Zudem steigert die verbesserte Bestandsführung die Warenverfügbarkeit in den HoGW, was den Umsatz erhöht. Auf Grundlage dieser Erfahrungen prognostiziert von Grone, dass sich RFID als neue Basistechnologie im Handel künftig ähnlich durchsetzen wird wie einst der EAN-Code.

Das erste Pilotprojekt in Sachen RFID realisierte Gerry Weber 2009 zusammen mit der Deutschen Telekom. Man testete die Eignung von RFID als Warensicherungssystem. Weitere Ziele waren die Verbesserung von Logistik und Handelsprozessen sowie die bessere Transparenz und Nachverfolgbarkeit von Waren in der Lieferkette. Das Projekt verlief erfolgreich. Im Fokus stand das RFID-Etikett, denn es war der Schlüssel zur Lösung.

Eine Fallstudie des für die Etikettenentwicklung zuständigen Projektpartners Avery Dennison nennt die Kernanforderungen an das Etikett: Da es die Nachverfolgbarkeit der Kleidungsstücke von der Produktion bis zum Store sicherstellen sollte, war es möglichst früh ins Kleidungsstück einzunähen Seine Funktion durfte durch keinen der nachfolgenden Verarbeitungsschritte – auch nicht durch Waschen oder Reinigen – beeinträchtigt werden. Die integrierte Warensicherungslösung durfte wiederum die Funktion herkömmlicher Sicherheitslösungen von Shop-in-Shop-POS nicht beeinträchtigen.


Durch das Lesen des EPC ist die GTIN ohne weiteren Datenbankzugriff erkennbarDas RFID-Etikett im Fokus
Das von Avery Dennison schliesslich patentierte Etikett besteht aus einem beidseitig bedruckbaren textilen Band und dem Inlay mit einem Mikrochip, der die Ziffernfolge des EPC speichert. In zahlreichen Tests konnte belegt werden, dass das Etikett mindestens zwei Haushaltswäschen mit Temperaturen bis zu 60 Grad und einer chemischen Reinigung widersteht. Beim Codestandard wählte man laut von Grone SGTIN-96, da er die Global Trade Item Number (GTIN) und eine Seriennummer enthält. «Dank der mitkodierten GTIN ist eine einfache Integration in die bestehenden Softwaresysteme möglich», meint von Grone. Durch das Lesen des EPC ist nun die GTIN sofort ohne weiteren Datenbankzugriff erkennbar. Damit lassen sich die bestehenden Softwareroutinen nahtlos weiterverwenden.

Das gesamte Technologiepaket – insgesamt hatte Gerry Weber sechs Entwicklungspartner – umfasst aber noch weitere Elemente: Avery Dennison liefert auch spezielle Drucker für Druck und Programmierung von Etikette und Chip. Die Deutsche Telekom stellte das System mit RFID-Handlesegeräten und Diebstahlsicherungsantennen bereit. Die neue Reader-Technik erlaubt zudem die Installation der Warensicherungsantennen an den Decken der Shops. Hinzu kommt eine Software zur Warennachverfolgung, die in den Produktionsstätten, Distributionszentren und Stores von Gerry Weber installiert wurde. Torex war Lieferant für Kassensysteme, die Firma Salt Solutions für das Retail-ERP-System. Von Grone betont, dass erst durch die Integration von RFID in diese Systeme eine optimale Prozessunterstützung in den HoGW erreicht wurde. «Dies wäre mit einem reinen Systemaufsatz oder gar einem völlig unabhängigen Parallelsystem für RFID nicht umsetzbar gewesen », stellt er fest.


Implementierung in vier Schritten
Die Implementierung selbst erfolgte laut Avery Dennisons Bericht in vier Schritten: Zunächst wurde die Nachverfolgungssoftware in den Produktionsstätten, Distributionszentren und Geschäften installiert. Avery Dennison intergrierte das Projekt in seine Webservices, um die automatische Verarbeitung der RFID-Daten zu gewährleisten.

In einem zweiten Schritt wurden die RFID-Antennen zur Diebstahlsicherung in den Eingangsbereichen der Geschäfte installiert und die RFIDLesegeräte an das vorgeschulte Verkaufspersonal geliefert. Dann startete, zweitens, die Produktion der Etiketten. Die variablen Daten wurden von den Avery Dennison Büros in Hongkong, der Türkei und in Bulgarien über ein Webportal empfangen. Anschliessend durchliefen sie das hauseigene Datenmanagementsystem. Diese lieferte die Daten an die RFID-Drucker, welche die Etiketten druckten und programmierten. Der Drucker spielte die Daten auch auf eine sichere Datenbank zurück. Die richtige Verarbeitung der Daten in diesem Schritt gilt als entscheidend für das reibungslose Funktionieren des ganzen Systems.

Im dritten Schritt wurden die Etiketten an die Produktionsstätten geliefert, wo sie in die Kleidungsstücke eingenäht wurden. Es gibt jedoch auch Sonderfälle. So lassen sich die RFIDTags in Kleidungsstücken mit Metallanteil schlecht oder gar nicht lesen, berichtet von Grone. «Im Rahmen der Produktionsvorbereitung wird deswegen anhand der Stücklisten ermittelt, für welche Teile eine Sonderplatzierung der RFID-Tags vorgenommen werden muss», erklärt er.

Im vierten Schritt wurden die neuen Sicherungsprozesse implementiert. Da auch die Sicherungsfunktion im RFID-Etikett integriert war, wurden die üblichen RF-basierten Hardtags überflüssig. Beim Bezahlvorgang wird jetzt das RFID-Etikett einfach aus dem System ausgebucht. Das Etikett kann dann auch herausgeschnitten werden. Ist die Ware jedoch nicht bezahlt, ertönt ein Alarm, wenn sie aus dem Geschäft gebracht wird.

Alexander Saheb

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