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Stammdatenaustausch 2.0 in Europa

 Das zentral gesteuerte, firmenübergreifende Stammdatenmanagement bringt langfristig für alle Systemteilnehmer Vorteile: Für Lieferanten entfällt die Aufgabe, Datenbanken verschiedener Handelskanäle mehrere Male mit Daten zu versorgen; der Detailhandel erhält die gewünschten Daten ohne Schnittstellenprobleme.Die EU-Lebensmittelgesetzgebung gibt bei der Standardisierung zur Übertragung von B2C-Produktstammdaten den Takt vor. Die nationalen GS1 Organisationen arbeiten mit Hochdruck an Lösungen. Der Einbezug kleiner und mittlerer Unternehmen gestaltet sich hingegen von Land zu Land unterschiedlich.

Das ideale Modell ist schnell skizziert: Künftig sollen Stammdaten von Konsumgütern global zwischen Herstellern und Händlern ausgetauscht werden können – dank Standardisierung und automatisierter Synchronisation entfallen manuelle Prozesse der Dateneingabe weitgehend. Datenpools, die vom weltweiten Global Data Synchronization Network (GDSN) zertifiziert worden sind, kommunizieren reibungsfrei mit anderen Datenpools dieses globalen Netzes.
Der automatisierte Produktdatenaustausch verfolgt in zweierlei Hinsicht Ziele: einerseits soll die Effizienz der Datenübertragung in der gesamten Lieferkette (Business-to-Business, B2B) erhöht werden, andererseits dient die elektronische Veröffentlichung von vertrauenswürdigen Produktstammdaten der Kommunikation mit den Konsumenten (Business-to-Consumer, B2C). Hochwertige Datenqualität und optimale Produktpräsentation sind für den rasch wachsenden E-Commerce unerlässlich. Speziell im europäischen Handel setzen sich gemeinsam definierte Standards zum automatisierten Austausch und zur Synchronisation von Produktdaten immer mehr durch, parallel zum intensiveren Güteraustausch.

Lebensmittelhersteller unter Zeitdruck
Zusätzlichen Schub erhalten Projekte zur Automatisierung des digitalen Verkehrs mit Produktstammdaten durch die im Oktober 2011 von der EU beschlossene Lebensmittel-Informationsverordnung (EU-LMIV 1169/2011). Ab 13. Dezember 2014 gilt die LMIV verbindlich in allen Mitgliedsstaaten der EU und löst zu diesem Zeitpunkt alle nationalen Verordnungen zur Lebensmittel- Kennzeichnung ab. Eine der wichtigsten Neuerungen besteht darin, dass konsumentenrelevante Produktinformationen, wie Zutaten oder Nährwerte, in den Onlineshops vollständig und in derselben Qualität angezeigt werden müssen wie auf der Verkaufsverpackung.
Die Zielmarke ist nun bekannt, der Weg dorthin ist allerdings mit grossen Hürden verbunden. Die Lebensmittelhersteller insbesondere in der Europäischen Union stehen unter dem Zeitdruck der Inkraftsetzung der LMIV. Laut Bernd Rössler, Mediensprecher des deutschen Süsswarenherstellers Storck, verursacht die Vorbereitung einen gigantischen Aufwand: «Die hohen Kosten sind vor allem auf den Aufwand zurückzuführen, der durch die Anpassung jeder einzelnen Verpackung verursacht wird. Demgegenüber ist die elektronische Bereitstellung von Daten ein vergleichsweise kleiner Posten.»
Für viele kleine und mittlere Unternehmen ist die Aufbereitung und Bereinigung von Produktstammdaten mit viel zusätzlichem Arbeitsaufwand verbunden. «Diese sind oft auf verschiedenen Datenträgern abgespeichert und nicht aktualisiert worden. Die betriebsinterne Bereinigung von Datensätzen bereitet wohl mehr Probleme als die Eingabe über eine Schnittstelle eines öffentlichen Stammdatenpools », erklärt René Schweinzger, Produktmanager GS1 Sync bei der Länderorganisation GS1 Austria.

 Dank Apps von Produktinformationsportalen erfahren kritische Konsumenten mehr über Inhaltsstoffe sowie gesundheitliche und ethische Aspekte von Produkten.Eindeutigkeit der GTIN-Artikelnummer
Die LMIV fordert zudem, dass Produkte im Fernabsatz (online) eindeutig voneinander unterschieden werden können. Um dieser Vorgabe zu genügen, liess die Länderorganisation GS1 Germany von der Unterarbeitsgruppe GTIN-Vergaberegeln ein Positionspapier erarbeiten, das im August 2013 veröffentlicht wurde. Variante A: Bei jeder unterschiedlichen oder geänderten Deklaration gemäss LMIV erhält das Produkt eine neue GTIN. Variante B: Das Produkt erhält eine GTIN und eine zusätzliche Identifikation, beispielsweise in Form einer Chargennummer. Die Mitglieder der deutschen Arbeitsgruppe kommen zum Schluss, dass sich kurzfristig nur mit Variante A die Vorgaben der Eindeutigkeit (gemäss LMIV) erfüllen lassen.
In manchen Beziehungen zwischen Lieferanten und Handel in Europa sind auch Praktiken bekannt, die dem verschärften regulatorischen Umfeld eigentlich nicht mehr genügen. So widerspricht beispielsweise die Usanz, ähnlichen Artikeln derselben Warengruppe eine Artikelidentifikationsnummer GTIN zuzuteilen, dem Prinzip der Eindeutigkeit der Produktidentifikation. Die Publikation dieser Artikeldaten auf Onlineshops verlangt absolute Eindeutigkeit und keinerlei Abweichung zu den Angaben auf der Produktverpackung. Als Beispiel sei ein Joghurt mit veredelter Rezeptur genannt (weniger Zucker und höherer Fruchtgehalt). Der Kunde im Webshop möchte sicherstellen, dass er auch dieses neue Produkt und keine Restbestände des Vorgängerprodukts erhält.

Trusted-Source-of-Data-Projekte
Nicht zuletzt im Hinblick auf die Inkraftsetzung der LMIV auf Ende Dezember 2014 haben die nationalen GS1 Standardisierungsorganisationen technische Anschlusslösungen entwickelt. GS1 Mitglieder (aus Handel und Industrie) sollen mit einfachen Mitteln Datensätze gesetzes- und standardkonform eingeben, pflegen und überprüfen können. Überdies gewährleisten die von den GS1 Organisationen definierten Prozesse, dass die Daten von der autorisierten Quelle über den Weg bis hin zum Empfänger der Daten nicht manipuliert werden können (Projektnamen: Trusted Source of Data, TSD oder GS1 Source).
Sowohl in Deutschland wie in Österreich arbeiten meist Experten grosser Markenartikelhersteller und Grossverteiler in den TSD-Steuerungs- und Pilotgruppen der GS1 Länderorganisationen. Analog zu anderen Arbeitsgruppen von GS1 Germany sind eher grössere Organisationen in die Erarbeitung von TSD-Lösungen eingebunden. «Die diskutierten Lösungsansätze werden die geringeren Ressourcen der kleinen und mittleren Unternehmen berücksichtigen», versichert Steffi Kroll, Mediensprecherin von GS1 Germany, und ergänzt: «Gerade der Detailhandel ist an einem hohen Automatisierungsgrad des Datentransfers dieser Gruppe interessiert, da dort das grösste Optimierungspotenzial schlummert.»

Support bei der Dateneingabe
Auch in der Schweiz wird die Implementierung einer Trusted-Source-of- Data-Infrastruktur vorangetrieben. Im Januar 2014 wurde von GS1 Schweiz die Pilotphase des zentralen Datenpools trustbox® gestartet. GS1 Schweiz stellt den Mitgliedern und Nutzern eine Lösung zur Verfügung, die einerseits den automatisierten Datenaustausch und andererseits die manuelle Datenerfassung ermöglicht.
 Unternehmen haben die Möglichkeit, Dienstleistungen im Bereich der Datenerfassung und Bilderstellung zu beziehen. In der Schweiz akkreditierte Dienstleister, die schon zu Beginn des Projekts in einer spezifischen Arbeitsgruppe eingebunden waren, werden die für viele Unternehmen elementaren Dienstleistungen betreffend Dateneingabe gerne übernehmen. Im Weiteren wird ein ausführliches Benutzerhandbuch zur Verfügung gestellt.
Ebenso wird eine «First-Level»- Unterstützung per Telefon und E-Mail angeboten, sobald die Lösung in den ordentlichen Betrieb übergeführt wird. GS1 Schweiz wird Seminare anbieten, die das Angebot unterstützen. Für in Deutschland ansässige kleine und mittlere Unternehmen liess 1WorldSync, ein Tochterunternehmen von GS1 Germany und GS1 USA, Eingabemasken einrichten; dies ermöglicht ihnen, Artikelstammdaten in den GDSN-Datenpool einzugeben. Smart Data One, ebenfalls eine Tochtergesellschaft von GS1 Germany, bietet Unternehmen zudem die Datenerfassung als kommerzielle Dienstleistung an, abhängig von der Komplexität des Datenbestands. Die kostengünstige Basisvariante beinhaltet das korrekte  Erfassen der LMIV-Pflichtangaben im Auftrag des Kunden. Als weitere Dienstleistung lässt Smart Data One prüfen, ob bestehende oder neue Produktetikettierungen der lebensmittelrechtlichen Norm standhalten.
Für Österreich startete GS1 Austria im Mai 2013 den zentralen Stammdatenservice GS1 Sync. Unmittelbar nach der offiziellen Aufschaltung dieses neuen Datenpools wurde ein Pilotprojekt «Datenqualität im GS1 Sync» ins Leben gerufen. Ziel des Pilotprojekts war es, durch die Teilnahme von namhaften Datenlieferanten Erkenntnisse über die Qualität der eingestellten Daten zu gewinnen. Im Juni und Juli 2013 führte das Team von GS1 Sync Schulungstagungen bei den Lieferanten durch. Dieses Onboarding nahm mindestens einen Werktag in Anspruch, bestehend aus einem halben Tag Systemschulung und einem halben Tag Eingabe erster Artikeldaten. Als Richtschnur für die Datenqualität gilt: Die gesetzlich relevanten Artikeldaten müssen mit der bereitgestellten Artikelverpackung übereinstimmen und dem Datenabholer in vollem Umfang zur Verfügung stehen.

Manuel Fischer

 

Hug’s Datawarehouse kommuniziert mit trustbox
(fma) Meilensteine eines Projekts werden manchmal an unerwarteter Stelle gesetzt. Der Biscuitshersteller Hug übermittelt als erstes Unternehmen automatisiert und synchronisiert Produktinformationen an trustbox, den eigens für die Schweiz entwickelten Trusted-Source-Datenaggregator für die Übermittlung von Produktstammdaten. Diese unter der Obhut von GS1 Schweiz entwickelte Datenaustauschplattform steht ab Mai 2014 zahlreichen Unternehmen der Konsumgüterindustrie und des Detailhandels für die Übermittlung von B2C-Produktinformationen zur Verfügung. Im Fokus sind Zutaten, Nährwertangaben, Labels oder Produktbilder. Dass gerade das traditionsbewusste Familienunternehmen im luzernischen Malters bei diesem Projekt eine Pionierrolle einnimmt, hat einen guten Grund. Bei der konsequenten Zusammenführung von Produktdaten hat das Unternehmen bereits profunde Vorarbeit geleistet. Denn bereits 2001 erkannte das Unternehmen die Nachteile einer dezentralisierten Datenpflege. In der Folge entwickelte die Hug AG ein Datawarehouse, das alle vorhandenen Datenbestände aus verschiedenen Systemen integrierte. Aus dem firmeneigenen Datenpool werden die verschiedenen Benutzergruppen mit den für sie relevanten Daten versorgt. So können jederzeit aktualisierte Produktdatenblätter für den internen Gebrauch, aber auch für externe Nutzer daraus generiert werden. Die im Webauftritt Hug- Luzern.ch ersichtlichen Produktinformationen stammen ebenso aus dem hauseigenen Datawarehouse. Neuerdings greifen die bei Hug tätigen Kundenberater mithilfe einer mobilen Aussendienstlösung ebenfalls auf diese zentrale Quelle zu. trustbox ist einfach ein weiterer Datenempfänger, der Produktdaten aus dem unternehmensinternen Datenspeicher bezieht.
Der erstmalige elektronische Austausch von B2C-Produktdaten aus einem unternehmensinternen Datenpool an trustbox ist quasi der Prüfstein für das Trusted-Source- Projekt von GS1 Schweiz. Hersteller haben nun die Möglichkeit, ihre Produktstammdaten automatisiert und über standardisierte Schnittstellen an trustbox zu übermitteln oder manuell über ein Web-Interface zu erfassen und zur Publikation freizugeben. Sobald die Informationen vollständig und korrekt in trustbox sind, stehen sie dem Handel und den Konsumenten zur Verfügung.
Mit trustbox wird den Konsumenten erstmalig der Zugang zu detaillierten, gesicherten und hochwertigen Informationen zum gewünschten Produkt ermöglicht; sei dies im Onlineshop, im Geschäft über den Handyscanner oder in weiteren mobilen Applikationen. Informationen, zum Beispiel zu enthaltenen Allergenen oder Nährwertangaben, werden durch trustbox flächendeckend und transparent publiziert. Ab Oktober dieses Jahres sollen zahlreiche Datensätze aus der bunten Warenwelt der Schweizer Lebensmittelhersteller für die Öffentlichkeit frei verfügbar sein.

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