gs1-neton-header-06.jpg

Alles paletti

Basisinnovationen der Logistik sind Grundlagen für neue Geschäftsmodelle. Der EPAL-Tauschpalettenpool eines Schweizer Spezialisten schafft für Kunden Transparenz zu ihrem Palettenumlauf und beinhaltet auch die Reparatur der Lastträger, die zum grossen Teil von Robotern ausgeführt wird.

Ein holpriges Rattern, ein Stampfen, ein Klopfen, ein Hämmern hie und da – im Halbdunkel in einer Etage eines riesigen Lagergebäudes. Die Geräuschkulisse, die an eine Achterbahn erinnert, wird von einer Fördertechnik erzeugt, welche unablässig Türme von Tauschpaletten zu zwölf und mehr Einheiten auf Rollenbahnen weiterleitet. Am Ende einer dieser Bahnen müssen die von ihren Touren zurückgekehrten Paletten auf ihre Qualität hin getestet werden.

Reparaturservice für Paletten
Eine mit Prüfsensoren ausgerüstete Sortieranlage stellt in verschiedenen Schritten fest, ob beispielsweise die mittlere Kufe noch vorhanden ist, die Deckbretter abgesplittert oder die Bodenbretter noch festgenagelt sind, ob die normierten Dimensionen noch stimmen und die Aussenklötze noch Druck aufnehmen können. Ein Roboter am Ende der Linie stapelt die tauglichen Paletten auf einer neuen Linie auf, die nicht mehr brauchbaren auf einer anderen Linie.
Der in Suhr domizilierte Betrieb repariert pro Jahr rund 480 000 Tauschpaletten. Dabei arbeiten zwei Dutzend Menschen und fünf Roboter quasi Hand in Hand. «Die Roboter sind heutzutage nicht mehr eine besonders teure Anschaffung. Die wirklich grosse Herausforderung war, die Werkzeuge, die spezialisierte Programmierung und die Zuführung der Nägel unter Luftdruck so einzurichten, dass ein rationalisiertes Reparieren überhaupt möglich wurde», sagt Pascal Holliger, der in vierter Generation die Geschäfte der Familienunternehmen der Holliger-Gruppe mitgestaltet.
Der in Suhr domizilierte Betrieb repariert im Jahr rund 480 000 Tauschpaletten. Zwei Dutzend Menschen und fünf Roboter arbeiten Hand in Hand.Die Holligers, welche seit dem Gründungsjahr 1917 Transportbehälter aus Holz herstellen, gehen mit der Zeit und haben vor rund einem Jahrzehnt eine Anlage mit Pioniercharakter erstellt. Gute Gründe gibt es, weshalb sie das logistische Herz des Tauschservices gerade bei der Migros, einem ihrer grössten Partner und Palettennutzer, eingerichtet haben. Im Verteilzentrum am Standort Suhr beliefert der Grossverteiler die rund 600 Verkaufsstellen mit ihrem Trockensortiment. Wenn die Lastwagen frühmorgens in alle Landesteile ausschwärmen, sind die bestellten Waren vorher nach Destination kommissioniert und auf Paletten aufgeschichtet worden.
Der grösste Detailhändler der Schweiz ist einer der grössten Benutzer dieser unentbehrlichen Lastesel aus Holz, die sich mehrfach verwenden und auf allen vier Seiten durch Gabelstapler und Handhubwagen greifen lassen. Wo vieles ausgesandt wird, kommt auch vieles zurück. Nicht nur die Migros, auch zahlreiche weitere Kunden nutzen den zentral gelegenen, integralen Palettenservice, den das spezialisierte Unternehmen hier anbietet.

Onlinebanking mit Paletten
1998 wurden wichtige Weichen gestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt führte die SBB in der Hauptwerkstätte Olten selbst einen Palettentauschpool für ihre Cargo-Kunden, suchte aber im Rahmen eines Outsourcings einen kompetenten Spezialisten, der lizenziert war, Paletten nach EPAL-Kriterien herzustellen und zu reparieren. Die Holliger-Gruppe übernahm den Auftrag und legte damit den Grundstein für die Dienstleistungssparte.
Mit dem 2004 in Dienst gestellten Online-Palettenportal nimmt das Unternehmen den Kunden alle Sorgen mit Tauschpaletten ab. Neben dem Reparieren gehören dazu das Überprüfen der EPAL-Kriterien, die Kontoführung von Guthaben und Schulden, das Verrechnen gegenseitiger Verpflichtungen von Kunden des Tauschpools (Clearing), das Zwischenlagern, das aktive Einsammeln und die Just-in-time- Lieferung von Paletten. Finanziert wird der Service vor allem durch Reparatur-, Sortier- und Umlaufgebühren.
Der integrale Service rund um die tauschfähige EPAL-Standardpalette ist nach wie vor ein wichtiger Geschäfts- zweig des Familienunternehmens. Die Holliger-Gruppe stellt aber auch Spezialpaletten, Tausch- und Aufsetzrahmen sowie Deckel aus Holz her, die den Palettennormen entsprechen, und hat auch die Lizenz, neue EPAL-Tauschpaletten herzustellen. «Mit der Wirtschaftsflaute erleben wir im Massengeschäft für EPAL-Tauschpaletten einen gehörigen Preisdruck», sagt Pascal Holliger. Angesichts der knappen Margen, des ungünstigen Wechselkurses Euro zu Schweizer Franken und des Wunsches nach einer Mengenexpansion in den europäischen Binnenmarkt musste unternehmerisch gehandelt werden. 2012 übernahm das Schweizer Familienunternehmen mit Sitz im aargauischen Boniswil die Bregwerk Paletten GmbH in Donaueschingen. Dort werden für Kunden, die hinsichtlich Hygiene und Aussehen höhere Ansprüche stellen, Neupaletten produziert – ebenfalls mithilfe installierter Robotergesellen.

Neue Geschäftsmodelle mit der Palette
Die Gründung der European Pallet Association (EPAL) 1994 war ein Markstein für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle rund um die Tauschpalette. Die nicht gewinnorientierte Organisation hat heute nur noch die Qualitätssicherung zur Aufgabe. Sie vergibt die Lizenzen für die Herstellung und Reparatur von Tauschpaletten und achtet darauf, dass die damals wie heute geltenden Bestimmungen der Euronorm EN 13698 eingehalten werden.
Zur optischen Identifikation bekommt die Europalette sechs Brandzeichen – je eines auf jedem Holzklotz und zwar jeweils auf beiden Längsseiten. Häufig wird getrocknetes Nadelholz verwendet, in erster Linie Fichte und Tanne. Nadelholz wächst schnell und ist deshalb leichter als Laubholz; dennoch ist es in der Lage, grosse Lasten aufzunehmen.
Die Basisinnovation indes ist der Eisenbahn zu verdanken. Die Union internationale des chemins de fer (UIC) kann sich auf die Fahne schreiben, mit der Normierung im Jahr 1961 und der Tauschfähigkeit einer logistischen Einheit einen geradezu revolutionären Schritt gemacht zu haben. Die normierte Holzpalette führte zu enormen Arbeitsersparnissen beim Verlad von Waren. Noch heute hat die Norm einen prägenden Einfluss auf die ganze Logistik- Wertschöpfungskette. Die meisten der heutigen Logistiksysteme orientieren heutigen Logistiksysteme orientieren sich an ihren Abmessungen; von der Ladefläche eines Lkw bis zum vollautomatischen Hochregallager. Nur in den Häfen stösst die Europalette an ihre Grenzen. Dies hat historische Gründe: In den 60er-Jahren war noch nicht absehbar, dass die von einem amerikanischen Pionierunternehmer geschaffenen Container, die mit der Frachtversorgung des US-Militärs während des Vietnamkriegs den Durchbruch erlebten, zum Mass aller Dinge in der Seefracht werden sollten.
Die in der Seefracht nun üblichen ISO- Container sind nach anglo-amerikanischem Masssystem normiert, die Europalette ist damit nicht kompatibel: Bei einem Aussenmass von acht Fuss Breite und 20 Fuss Länge beträgt das Innenmass 2,352 Meter in der Breite beziehungsweise 5,898 Meter in der Länge, gerade nicht mehr genügend, um zwei 1,2-Meter-Europaletten der Breite nach oder fünf der Länge nach im Container zu versorgen. Eine Ausnahme bildet der 53-Fuss-Container, der im Strassenverkehr der USA auch anzutreffen ist. In Seefracht-Containern wird Ware häufig auf speziellen Kunststoffpaletten, aber auch auf Holzpaletten verstaut. Die praktischen und in der Herstellung günstigen Tauschpaletten sollen aber auch in China und anderen Fernost-Ländern zirkulieren, notabene Länder, die unter Holzarmut leiden, inzwischen aber sogar EPAL-zertifizierte Hersteller aufweisen können. Im globalen Umlauf, so schätzt man grob, sind bis zu 500 Millionen Stück im Einsatz. Pro Jahr werden weltweit rund 65 bis 70 Millionen neue Tauschpaletten hergestellt.

Manuel Fischer

 

Erkennungs- und Tauschkriterien einer EPAL-Tauschpalette

Eine Europoolpalette (auch Europalette oder EPAL-Tauschpalette) des Typs EUR ist eine Flachpalette aus dem Tauschsystem des Europools. Typischerweise ist die durch EN 13698-1 genormte, mehrwegfähige Transportpalette mit einer Grundfläche von 0,96 Quadratmetern und den Massen 1200 × 800 × 144 mm (L × B × H) sowie einem Eigengewicht von 20–24 kg (je nach Holzfeuchte) gemeint. Sie wird von 78 Spezialnägeln zusammengehalten. Die Europalette basiert auf einer Norm der UIC (internationale Vereinigung der Eisenbahnen) und entspricht den Bestimmungen der European Pallet Association (EPAL).

Folgende Merkmale sind für die Erkennung einer ordnungsgemässen Europoolpalette entscheidend:
• Eine tauschfähige Normpalette muss ein genormtes Nagelbild aufweisen.
• Am mittleren Holzklotz muss ein kombiniertes Brandzeichen angebracht werden; a) links das Prüfzeichen IPPC betreffend Einfuhrvorschriften für Packmittel aus Vollholz und b) das Zeichen einer europäischen Bahngesellschaft bzw. die Nummer des Herstellers sowie das Herstellungsjahr.
• Am linken und am rechten Holzklotz muss das Brandzeichen der EPAL erkenntlich sein. Ältere Paletten weisen am rechten Klotz noch das EUR-Zeichen auf.
• Die Bodenbretter der Norm-Europalette müssen angefast (abgeschrägt) sein.
• Querbretter dürfen keine Baumkanten aufweisen. Das sichert Tragfähigkeit und Stabilität. Für Norm- Europaletten wird ausschliesslich getrocknetes Holz verwendet, um Schimmelbildung zu vermeiden.

Wenn Europaletten einen oder mehrere der folgenden Schäden aufweisen, sind sie nicht mehr tauschfähig und müssen gemäss der Norm UIC-435-4 repariert werden:
• Ein Boden- oder Deckrandbrett ist so abgesplittert, dass mehr als ein Nagel- oder Schraubenschaft sichtbar ist (siehe 1 im Paletten-Schema).
• Die Brandzeichen am linken oder rechten Holzklotz (siehe 7) fehlen oder sind nicht mehr lesbar.
• Ein Last aufnehmendes Brett fehlt.
• Ein Klotz fehlt oder ist so gespalten, dass mehr als ein Nagel sichtbar ist (siehe 8).
• Ein Last aufnehmendes Brett ist schräg gestellt oder gebrochen (siehe 6, 2 oder 5).

Weitere Informationen:
www.epal-pallets.org
www.epal-pallets.de/de/produkte/tauschkriterien.php

Nach oben