gs1-neton-header-02.jpg

Logistische Leckerbissen en masse

Die Ende Juni durchgeführte 31. Auflage der traditionsreichen «Studienfahrt innovative Logistikanlagen» von GS1 Schweiz bot den 45 Teilnehmenden ein abwechslungsreiches und spannendes Programm: fünf unterschiedliche Besichtigungen von modernen Logistikanlagen in knapp eineinhalb Tagen sowie eine Fahrt auf Haupt- und Nebenstrassen durch das hügelige Schweizer Mittelland von Brugg bis Dietikon.

Die Besichtigungstour, die in diesem Jahr sorgfältig ausgewählten logistischen «Leckerbissen» im Schweizer Mittelland gewidmet war, zog die Mehrheit der heterogen zusammengewürfelten Teilnehmerschar in ihren Bann. Erste Anlaufstation der auf zwei Tage verteilten Tour d’horizon waren die Logistikterminals der Sulser Logistics Solutions AG im aargauischen Brunegg. Bevor die Repräsentanten von Sulser Logistics ihr neues, im Mai 2014 eröffnetes Logistikzentrum den Besuchern in Theorie und Praxis vorstellten, ergriff Thomas Bögli, Mitglied der Geschäftsleitung bei GS1, das Wort: «Wir haben bei der Konzeption dieser Besichtigungstour ganz bewusst darauf geachtet, dass wir einen Blick hinter die Kulissen werfen und einen gesunden Mix zwischen topmodernen, vollautomatisierten Anlagen und schon etwas in die Jahre gekommener, jedoch bestens bewährter Technik und Infrastruktur zu sehen bekommen. Ich denke, dass just dieser Aspekt den Reiz dieser Studienfahrt ausmacht.»

Sulser: Neues Hochregallager als Herzstück
Eine spannende Mischung aus neuer sowie alter Infrastruktur und Technik – genau das erwartete die Teilnehmenden bei der Besichtigung der modernisierten Logistikgebäude der Sulser Logistics Solutions AG in Brunegg. Ray Müller, Mitglied der Gruppenleitung der Sulser Group, berichtete, dass am Standort Brunegg bereits im Jahr 1970 eine erste Bauetappe mit einem der ersten Hochregallager der Schweiz und einer Lagerhalle in Angriff genommen wurde. 1990 und 1993 folgten weitere Lagergebäude. 2013 wurde für rund 10 Millionen Franken mit der Modernisierung der gesamten, in der Zwischenzeit ziemlich in die Jahre gekommenen Anlage begonnen. Heute verfügt Sulser in Brunegg auf einem Grundstück von 28 100 Quadratmetern über insgesamt vier Terminals mit mehr als 14 200 Quadratmetern Lager- und Produktionsfläche.
Müller wies darauf hin, dass das neue Logistikzentrum mit dem vollautomatisierten Hochregallager als Herzstück derzeit eine der modernsten Anlagen ihrer Art in der Schweiz sei. Das neue Hochregallager, mit vier Regalbediengeräten sowie modernster Fördertechnik bestückt, ist mit 8736 EPAL- Stellplätzen für sämtliche gängigen Palettenformate geeignet. Müller erklärte, dass insbesondere der Bau bei normal weiterlaufendem Betrieb eine grosse Herausforderung gewesen sei: «Wir haben dabei eine Operation am offenen Herzen vorgenommen.»
Nach der Theorie kamen die Besucher in den Genuss eines Rundgangs durch den Betrieb und erfuhren dabei, dass Sulser unter anderem Logistikdienstleistungen für einen international tätigen Grosskunden aus der Kosmetikindustrie und den Automobilkonzern Renault-Nissan abwickelt.

Migros: Boom der Tiefkühllogistik
Von Brunegg aus ging’s weiter zum riesigen Distributionszentrum der Migros in Neuendorf. Dort begrüsste Hans Kuhn, Geschäftsführer der Migros- Verteilbetrieb Neuendorf AG (MVN), die Gäste. Er skizzierte stichwortartig das Leistungsportfolio dieser hundertprozentigen Tochter des Migros-Genossenschafts-Bundes. 1974 nahm die MVN AG den Betrieb in Neuendorf auf, mit dem Ziel, die Warendistribution durch die Zentralisierung bestimmter Sortimente zu optimieren.
Heute erbringt die MVN AG mit rund 1100 Mitarbeitenden an den beiden Standorten Neuendorf und Volketswil in den drei Hauptgeschäftsfeldern Near/Non Food, Tiefkühlprodukte und Textilien Logistikservices wie Lagerung, Konfektionierung, Kommissionierung und Warenverteilung. Als zentrale Logistikpartnerin versorgt sie die Migros sowie zahlreiche externe Kunden flächendeckend in der Schweiz. In Neuendorf befinden sich rund 90 000 verschiedene Artikel an Lager. 60 Prozent der Transporte in die Filialen erfolgen mit Lkws, die restlichen 40 Prozent entfallen auf die Bahn.
MVN-Geschäftsführer Kuhn erläuterte, dass der Tiefkühlbereich aufgrund der enormen Nachfrage nach Aufbackwaren im Warenausstoss «seit geraumer Zeit massiv» wachse. Aus diesem Grund investiert die Migros in Neuendorf – nach dem kürzlich in Angriff genommenen Neubau des 385 000 Kubikmeter grossen Logistikzentrums Ost für die Einlagerung von Non-Food-Produkten für rund 60 Millionen Franken – weitere 118 Millionen Franken, um ab Anfang 2016 die gesamte Lagerung und Verteilung von Tiefkühlprodukten der Migros-Gruppe neu am Standort Neuendorf zu konzentrieren. Dazu errichtet die Migros derzeit bis Ende 2015 neben dem bestehenden ein neues Tiefkühllager mit einem Volumen von 308 000 Kubikmetern; geplant sind sowohl konventioneller wie vollautomatischer Betrieb. Im Anschluss an Kuhns Begrüssungsrede stand ein Besuch des gigantischen Kleinteilelagers auf dem Programm. Unzweifelhafter, wenn auch frostiger Höhepunkt in Neuendorf war zu guter Letzt die Besichtigung des vollautomatisierten Tiefkühllagers bei minus 26 Grad Celsius. Seine eindrückliche TK-Kommissionieranlage gilt als die modernste Europas.

 

Impressionen von der Studienfahrt



Rudolf Geiser AG: Retrofit der Intralogistik
Einen bemerkenswerten Abschluss des ersten Tages erlebten die Teilnehmenden in den teilweise stark verschachtelten Räumlichkeiten der Rudolf Geiser AG in Langenthal. Das Grosshandelsunternehmen für das holzverarbeitende Gewerbe und die Industrie verdient sein Geld mit Beschlägen, Befestigungstechnik, Werkzeugen und Maschinen. 120 Mitarbeitende bewirtschaften auf einer Nutzfläche von 5500 Quadratmetern rund 30 000 lagergeführte Artikel, wobei pro Jahr 170 000 Aufträge kommissioniert werden. Die Kommissionierung erfolgt sowohl über das «Mann zur Ware»- als auch über das «Ware zum Mann»-Prinzip.
Wie Thomas Gygax, Bereichsleiter Logistik bei Geiser, erklärte, litt das Unternehmen bis 2007 an ständiger Lagerknappheit, weshalb man sich für ein Retrofit der Intralogistik entschied und anschliessend in ein automatisches Langgutlager mit 524 Lagerplätzen sowie in ein Hochregallager investierte. Fazit: Die Optimierung der Logistikprozesse hat die Lieferbereitschaft stark verbessert. Bei Geiser herrscht eine gelungene Mischung zwischen hohem Automatisierungsgrad und manueller Tätigkeit. Geiser ist ein Paradebeispiel, wie man heute Logistik mit einem Mix aus bestehenden Anlagen und Infrastruktur und Ideen weiterentwickeln und effizient gestalten kann.

Ramseier: Neues Zuhause für Obstsäfte
Der zweite Tag der Studienfahrt führte nach Sursee zur Ramseier Suisse AG. Die Herstellerin von Obst- und Fruchtsaftgetränken und bekannten Marken wie Ramseier, Sinalco und Elmer befindet sich mit ihren Getränken auf Wachstumskurs. Bestes Indiz dafür ist das im Oktober 2013 in Betrieb genommene, eine Fläche von 5540 Quadratmetern umfassende und 20 Millionen Franken teure Logistikzentrum mit Hochregallager. Exakt 16 444 Paletten können vollautomatisiert ein- und ausgelagert werden. Der Warennachschub aus dem Hochregallager erfolgt automatisch auf die Kommissionierplätze, wo dann mittels «Mann-zur-Ware»- Strategie und sprachgesteuert kommissioniert wird.

Hans Kohler AG: Modernisierung
Die letzte Station der Reise führte ins zürcherische Dietikon zur Firma Hans Kohler AG, die mit Halbzeug und Fertigprodukten aus rostfreiem Edelstahl für Industrie und Gewerbe handelt. Mehr als 160 Mitarbeitende kümmern sich um rund 20 000 lagergeführte Artikel, wobei pro Jahr 120 000 Aufträge für 7500 Kunden bearbeitet werden. Die Kommissionierung erfolgt sowohl über das «Mann zur Ware»- als auch über das «Ware zum Mann»-Prinzip. Künftiges Ziel ist jedoch klar das «Ware zum Mann»-Konzept.
Die besondere Herausforderung für die Hans Kohler AG besteht derzeit darin, dass der Standort Dietikon seit 2010 sukzessive um- und bis 2017 teilweise komplett neu gebaut wird. Die Lagervielfalt ist enorm und reicht von automatischem Kleinteile-, Paletten-, Langgut- und Blechlager bis hin zu manuellem und Blocklager. Der bestehende Standort mit seinen beengten Platzverhältnissen wird in Bezug auf Lagerung, Kommissionierung und Umschlag vollständig modernisiert. Ziele sind die Zentralisierung der Lager auf einem Grundstück, die Vergrösserung der Lagerkapazität, die Automatisierung und Optimierung der Warenflüsse, die chargengetrennte Lagerung sowie die Verkürzung der Rüst- und Ladezeiten.

Robert Altermatt

Nach oben