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Eier im Takt der Maschinen

Eine Mitarbeiterin zieht behände die zu sechs Lagen aufgeschichteten Kartons aus den Etagen des Rollcontainers, stemmt diese und legt sie sanft auf das stetig laufende Rollband ab.In der Eierlogistik wird nichts dem Zufall überlassen. Der EAN-Strichcode, aber auch die komplette Beschriftung auf den Eierschalen dienen nicht nur der Rückverfolgbarkeit und der Kommissionierung der Chargen, sondern sind Ausdruck einer strikten Planung der dezentralen Legehennenhaltung.

Förderbänder rasseln, Signaltöne, die hie und da zu vernehmen sind, und kurze Zurufe mischen sich zu einem wuseligen Klangteppich, der eine grosse, helle Halle mit Leben erfüllt. Hier wird eine besonders heikle Fracht durchgeschleust, die Behutsamkeit, Genauigkeit und Rationalität der Prozesse erfordert.

Vorsicht, zerbrechlich!
Pro Tag werden über eine halbe Million Eier aus vielen Regionen der Schweiz per Lastwagen nach Sursee ins Kommissionierzentrum der Ei AG angeliefert. Auf Dutzenden von Rollcontainern, eingelagert auf sogenannten Kartonhöckern, wartet die fragile Sendung auf ihre Entladung. Die Chauffeure liefern nicht nur volle, sondern nehmen auch leere Rollcontainer und Kartonablagen mit, damit diese von den Eierfarmen erneut befüllt werden können.
An jeder Etappe der Eierlogistik wird nichts dem Zufall überlassen. Die Lieferscheine, die gut sichtbar zwischen die Kartonagen geklemmt sind, enthalten alle notwendigen Informationen über die Charge, das Legedatum, den Landwirtschaftsbetrieb, die Art der Legehennenhaltung, sowohl handschriftlich vermerkt als auch in Form des EAN-Barcodes. Gut sichtbar auch die Unterschrift des Betriebsleiters, der damit bezeugt, dass die Fracht exklusiv aus seiner Farm stammt und von nirgendwo sonst.
Eine Mitarbeiterin schubst mehrere Rollcontainer von einem Vorraum in die Halle. Dort lässt eine Kollegin im blauen Übergewand den Strichcode des Lieferscheins von einem stationären PC einlesen und tippt weitere Angaben über die Tastatur ein. Kopf, Muskeln und Balancesinn sind an diesem Posten gefragt. Flugs wird zuerst eine Hebebühne betätigt. Behände zieht die Mitarbeiterin die zu sechs Lagen aufgeschichteten Kartons aus den Etagen des Rollcontainers, stemmt diese und legt sie sanft auf das stetig laufende Rollband ab. Dort verweilen die Eier nicht lange. Eine Maschine hebt sie über einen Ansaugmechanismus auf eine andere Ablage, wo sie weiterbefördert werden.

 Am Ende der Laufbänder erledigt eine Gruppe von Frauen die Schlusskontrolle. Dann und wann müssen die Schachteln von Hand komplettiert, mit dem Deckel verschlossen und in die Mehrweggebinde eingelagert werden.Ein Logistikdienstleister als Nachbar
Von der Natur perfekt verpackt und doch verletzlich, mit fast allen für die menschliche Ernährung wichtigen Nährstoffen ausgestattet (je 12 Mineralstoffe und Vitamine), gehört das Hühnerei üblicherweise zum Speisezettel eines schweizerischen Haushalts. Doch die kontinuierliche Versorgung mit Eiern ist in modernen Zeiten kein Produkt des Zufalls, sondern Ausdruck einer ausgeklügelten, industriellen Logik des Planens und Produzierens.
«Wir sortieren nicht nur die angelieferten Eier, sondern planen aufgrund unserer Marktkenntnisse im Voraus die ganze Jahresproduktion mit unseren Eierfarmen, die ausschliesslich für uns arbeiten», sagt Ernesto Hausmann, Geschäftsführer der Ei AG. Der Detailhandel verlangt nach Sicherheit des Nachschubs aller Artikel – ob Bio, Vierer- oder Sechserschachtel und so weiter – das ganze Jahr hindurch. Hausmann fährt fort: «Bis Mitte dieses Jahres ist das Folgejahr 2016 bereits verplant.»
Rund 120 Eierproduzenten haben sich vertraglich verpflichtet, die Ei AG regelmässig zu beliefern. Eng ist die Zusammenarbeit mit der Firma Häfliger, die als spezialisierte Logistikdienstleisterin die frischen Chargen zwei- bis dreimal pro Woche bei den Bauern abholt, aber auch die fertig kommissionierten Sendungen in die Verteilzentralen des Detailhandels bringt.
Seit einigen Jahren sind dem Kommissionierzentrum der Ei AG die Hallen und Rampen des Spediteurs direkt angebaut. «Früher mussten wir die konfektionierte Ware zum Lager eines Transportunternehmens spedieren», erinnert sich Hausmann. «Mit dem nun kurzen Weg von der Maschine direkt an die Rampen erzielten wir einen Rationalisierungseffekt, der die Prognosen noch übertraf.»

Die Kennzeichnung
Die Stempelung auf jeder Schale wird automatisiert von einer Spritzmaschine erledigt. Alle hierzu notwendigen Angaben, nämlich Haltungsart (Bio, Freilandhaltung, Bodenhaltung), Herkunft (Land), Abpackbetrieb, Legedatum und landwirtschaftlicher Produktionsbetrieb (als fünfstellige Nummer), weist der Computer aufgrund der zuvor eingelesenen Angaben aus dem Lieferschein der Charge Eier zu, die sich aktuell auf der Förderanlage bewegen. So stehen die richtigen Schachteln auf verschiedenen Stationen der Verteilanlage bereit, wo die Eier automatisch eingelegt werden.
Die Schachteln bewegen sich auf Laufbändern weiter, an deren Ende ein geschäftiges Treiben herrscht. Hier erledigt eine Gruppe von Frauen die Schlusskontrolle. Dann und wann müssen die Schachteln von Hand komplettiert, mit dem Deckel verschlossen und in die Mehrweggebinde eingelagert werden. Selbstverständlich wird jede Eierschachtel mit einer Etikette ab Band versehen, mit den üblichen Angaben (Inhaltsangabe, «Zu verkaufen bis», Mindesthaltbarkeitsdatum und EANCode der Verbrauchereinheit). Laufend wird kommissioniert und ohne Verzug nach ausgefüllten Rüstzetteln palettiert. Hauptabnehmer sind Coop, aber auch andere Detailhändler und der Grosshandel.

Klang und Grösse der Eier
Nicht jedes Ei, das über die Fördertechnik transportiert wird, findet den Weg in die Eierschachteln. Durchleuchtet werden die Eier mit einem optischen Scanner. Nicht verkehrsfähig sind sogenannte Knickeier, Eier mit offenem Bruch, Schmutzeier oder solche mit Einschlüssen. Erstaunlicherweise spielt die Akustik in der Qualitätskontrolle eine Rolle. Jedes Ei auf dem Laufband wird angeklopft. Ein Ei mit einem Sprung in der Schale hat einen anderen Ton als ein unbeschädigtes. Jedes Ei mit feinstem Riss wird detektiert und ausgesondert. Ähnlich Kleidergrössen werden anschliessend die Eier an einer Wägestation in die Gewichtsklassen XS, S, M, X und XL unterschieden und sortiert.
Die vollautomatisierte, mehrstufige Qualitätskontrolle liefert wichtige Hinweise zum Gesundheitszustand der Legehennen. Auf dem zugestellten Abrechnungsbogen wird dem Eierproduzenten die Anzahl Schmutzeier oder beschädigter Eier einer Charge aufgelistet. Da jedes nicht verkehrsfähige Ei die Faktura negativ beeinflusst, hat jeder Lieferant ein Interesse, auf seiner Farm nach hohen Qualitätsstandards zu arbeiten.

Die Schalenbeschriftung – ein Muss
Dass Eierschalen mit Legedatum und Herkunft versehen sind, nehmen die Kunden in den Supermärkten längst als Standard wahr. Doch erst ab Mitte der 1990er-Jahre führten Coop und Migros diese Beschriftung übers ganze Eiersortiment ein. «Als ich in diese Branche kam, hatte kein einziges Ei eine Beschriftung. Man musste glauben, dass der Inhalt mit den Angaben auf der Verpackung übereinstimmte», erinnert sich Hausmann. «In den 80ern hausierte eine US-Firma mit einem neuen Spritzverfahren und pries die Möglichkeit an, die Schalen als Werbeflächen für Coca-Cola oder andere Markenprodukte zu benutzen.» Ein kleiner lokaler Händler ergriff die Chance als Erster und zeichnete seine Eier mit Herkunftsangabe aus. Der Wettbewerbsvorteil blieb der Konkurrenz nicht lange verborgen. Die Grossverteiler Migros und Coop pochten auf mehr Transparenz. Auch die Gesetzgebung zog nach, obgleich gemäss der Verordnung über den Eiermarkt (Eierverordnung, EiV) eigentlich bis zum heutigen Tag nur das Herkunftsland angegeben werden müsste.
Die Ei AG sowie die andern beiden grossen Eiervermarkter in der Schweiz drängen auf eine durchgängige und vollständige Anschriftspflicht für alle in den Verkehr gebrachten Konsumeier. «Kommt es zu einer Krise wegen mit Salmonellen kontaminierten Eiern, könnte die ganze Branche in Verruf geraten », legt der erfahrene Fachmann die Sicht der grossen Eierhändler dar. Ein Legedatum für Eier auf Wochenmärkten und Hofläden sei ein zusätzliches Qualitätsmerkmal, welches das Vertrauen in dieses wertvolle Naturprodukt nur stärke

Manuel Fischer
 

Die Lieferscheine enthalten alle Informationen über die Charge, das Legedatum, die Legefarm und die Art der Haltung, sowohl in Form des EAN-Barcodes als auch mit manuellen Eintragungen, und sind mit einer Unterschrift versehen.Rückverfolgbarkeit auf der Eierschale*
Haltungsart (erste Zeile, erste Ziffer links)
• 0 Bio
• 1 Freiland
• 2 Bodenhaltung
• 3 Käfighaltung (aus der EU)
Herkunft (erste Zeile, Buchstaben)
• CH Schweiz (Pflicht nach EiV)
• FR Frankreich (Zolldeklaration)
Abpackbetrieb (erste Zeile, zweite Ziffer)
• 01 Ei AG, Sursee (freiwillige Angabe)
Legedatum (zweite Zeile)
• LD – 12.2.15 (Beispiel)
Betriebsnummer der Farm (dritte Zeile)
• 03718 (Beispiel)
* Die Europäische Union (EU) kennt umfassendere Deklarationsanforderungen als die Schweiz: Haltungsart, Produktionsart und Legedatum sind ein Muss, womit sich der hiesige Handel nur den internationalen Gepflogenheiten anpasste. Die Klasseneinteilung gilt für die EU wie für die Schweiz, wobei hierzulande die Käfighaltung seit 1990 verboten ist, während sich die Geflügelbranche in der EU immer noch schwer tut mit der Verabschiedung dieser gattungsunwürdigen Haltung.




 

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