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Es gibt viel zu digitalisieren – packen wir’s an!

Im Gesundheitswesen schlummert Optimierungspotenzial: Ist E-Health der Schlüssel dazu? Im Herbst werden die Prämien der Krankenversicherungen wieder ansteigen. Das überrascht niemanden. Zunehmend alternde Gesellschaft, Multimorbidität und die Fortschritte in der Medizintechnik sind die Treiber. Daneben kämpfen die Leistungserbringer mit einem steigenden Fachkräftemangel. Beide Problemkreise verlangen nach Lösungen. Wir werden nicht darum herumkommen, erstklassige Gesundheitsdienste effizienter zu gestalten und die Akteure in der Behandlungskette besser zu vernetzen. Dazu braucht es eine Digitalisierung der Prozesse. Wie viel E-Health ist nötig? 

Wer die Prognosen verfolgt, welche Daten sich weltweit anhäufen werden, fu¨hlt sich wie in einem Science-Fiction- Film: Es wird sich aus dem Stand ein unerhörtes digitales Gebirge auftürmen. Laut Analysten der International Data Corporation wird der Datenberg bis 2020 innert zehn Jahren um das Vierzig- bis Fu¨nfzigfache angewachsen sein, auf eine Datenmenge von 40 Zettabyte. Ein Zettabyte ist eine Eins mit 21 Nullen, oder anders gesagt: Pro Kopf werden im Jahr 2020 sechs Terabyte an Daten gespeichert sein – das entspricht drei Millionen Büchern für jeden Erdenbürger. Das sind Big Data in Reinkultur, die massive Schätze bergen. Sie zu heben lohnt sich, das ist für die Experten sonnenklar. Eine globale Umfrage der Universität Oxford ergab: Fast zwei Drittel der Befragten aller Branchen sind überzeugt, dass das Nutzen von Daten für ihr Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil darstellt – zwei Jahre zuvor meinten dies erst 37 Prozent. Doch wie soll der moderne Goldgräber die in den Datenbergen verborgenen Nuggets finden?

Geschäftsmodelle verändern sich – auch im Gesundheitswesen
Datenanalyse wird immer wichtiger, und sie geschieht immer schneller, mobil, unabhängig von Zeit und Ort. So werden aus Big Data Smart Data. Sie verändern die Geschäftsmodelle in allen Branchen. Techniker können über Tablets Spezialisten hinzuziehen, wenn sie Probleme bei der Bedienung der Medizintechnik haben, Ärzte können sich bei der Auswertung von Aufnahmen aus Computer- oder Magnetresonanztomografen von intelligenten Algorithmen unterstützen lassen, die auf eine Datenbank zugreifen, in der viele ähnliche Fälle anonymisiert hinterlegt sind. Dadurch kann bereits gesammeltes Wissen in die Diagnose einfliessen – ein gutes Beispiel für die Nuggets, die sich im Datengebirge schürfen lassen und von denen gerade die Patienten profitieren. Schatzsucher sind beispielsweise im EU-Forschungsprojekt BYTE engagiert. Wissenschaftler aus über zehn Unternehmen analysieren hier die vielfältigen Facetten der kommerziellen Nutzung grosser Datenmengen. Ziel von BYTE ist eine Roadmap, die konkrete Schritte aufzeigt, wie Europa bis 2020 seinen Marktanteil in diesem Bereich erho¨hen kann. BYTE soll politische und technologische Massnahmen erarbeiten, um grösstmögliche Gewinne aus Big Data zu ziehen.

Vielfältiges E-Health-Spektrum
E-Health hat noch viele weitere Gesichter. Und das Spektrum weitet sich zusehends aus. Ausgehend von einer Aufstellung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (Digital Health – Die Zukunft des Schweizer Gesundheitswesens, November 2017) geht es um folgende, teilweise recht heterogene Aspekte: Fitness, Social Media und Patientenportale, E-Health- Prozesse, Wearables, E-Medikation, E-Patientendossiers, Telemedizin, Tech Health, 3D-Druck, Robotik für Operationen und Rehabilitation, Sensorik, Big Data und Health Data Analytics, Internet of Things und künstliche Intelligenz. Es gibt tatsächlich viele digitale Elemente zu meistern und zu nutzen.

Wer ist E-Health-Weltmeister?
Wie aktiv sind nun verschiedene Länder, wenn es um die Umsetzung von E-Health geht? In den USA sind es namentlich die grossen Anbieter von Gesundheitsdiensten, wie Kaiser Permanente, die oft sowohl stationäre wie ambulante Leistungen anbieten und auch als Versicherer tätig sind, die sich innerbetrieblich und mit ihren Zuweisern digital vernetzen. Sie gewinnen zudem vorteilhaftes Wissen für qualitativ bessere und wirtschaftlichere Therapien wie gerade auch für Prophylaxe-Massnahmen, indem sie die grosse Menge an Patienteninformationen aus ihrer Firmengruppe analysieren. Einen Spitzenplatz mit hohem Einbezug der Versicherten über elektronische Patientendossiers nimmt weiter Israel ein.

In Europa besteht eine offizielle Rangliste (research2guidance-Studie 2015), gemäss welcher Dänemark mit einem Score von 0,87 das führende europäische Land ist in Bezug auf E-Health- Anwendungen. Ein Score von eins entspricht einer hundertprozentigen Adaption von E-Health-Anwendungen, ein Score von null hingegen gar keiner Adaption. An zweiter Stelle steht Finnland mit einem Score von 0,84. Es folgen Spanien und die Niederlande (0,72). Deutschland erreicht 0,37. Für die Schweiz liegen keine Daten vor. Erfahrene Experten reihen unser Land allerdings gleichrangig mit dem nördlichen Nachbarn ein.

Eine weitere Studie, die European Score Card der Stiftung Münch, verteilt die besten Noten ebenfalls an die skandinavischen Länder, an Estland und die Slowakei, während Frankreich und Italien als Länder mit dem geringsten E-Health-Durchsatz eingestuft werden. Bleibt schliesslich als wichtiges Land Grossbritannien. Hier wird innerhalb der vier selbstständigen regionalen NHS (National Health Services) in England, Schottland, Wales und Nordirland parallel an der digitalen Vernetzung von Praxen mit Spitälern gearbeitet, insbesondere zur Therapie- Optimierung bei chronisch Kranken. Namentlich das schottische NHS hat sich zusätzlich im Bereich der Telemedizin profiliert, wodurch sich Patienten in abgelegenen Gebieten via regionale Versorgungsstrukturen rasch mit Experten in spezialisierten Zentren in Verbindung setzen können – eine Lösung, die auch in der Schweiz an Bedeutung gewinnen könnte. Unser Hausarztmangel auf dem Land ist wohl vergleichbar mit der Problematik einer abgelegenen Inselbevölkerung in der Nordsee.

Fokus elektronisches Patientendossier (EPD)
Das EPD ist ein wichtiges Element im E-Health-Kontext. Dafür wurde in der Schweiz ein Bundesgesetz geschaffen, das nun schrittweise föderalistisch eingeführt wird, wobei die Nordwestschweiz mit Basel-Stadt als federführendem Akteur bereits die erste Stammgemeinschaft lanciert hat.

Ein EPD kann Effektivität und Effizienz der Versorgung steigern, weil es Patienten, Spitäler, Praxen, Apotheken und Kostenträger verbindet, bei uns allerdings eingeschränkt durch die doppelte Freiwilligkeit von freipraktizierenden Ärzten und Versicherten. Im Interesse stehen effizientere Arbeitsprozesse, weniger Administration und somit mehr Zeit für die Kernaufgabe, die Patientenversorgung. EPD können auch Therapien verbessern durch die Nutzung entscheidungsunterstützender Systeme sowie unnötige Mehrfach- Untersuchungen und Folgebehandlungen eindämmen. Aufgrund der Pflege der persönlichen Gesundheitsdaten dürften sich auch Empowerment und Compliance der Patienten steigern.

Die Einführung der EPD läuft nicht immer zügig. In Deutschland haben sie den Einzug ins Gesundheitssystem noch nicht geschafft, obwohl 2015, 16 Jahre nach Beginn der Diskussion, das Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen (E-Health-Gesetz) erlassen wurde. In der Praxis entpuppt es sich aber eher als technische Basis, welche die Aspekte der Telematik- Infrastruktur oder der Interoperabilität regelt. Grundsatzdiskussionen blockieren die konkrete Entwicklung.

Gemeinsam geht’s besser
Dagegen existiert das EPD in Dänemark bereits seit über 20 Jahren. Das kleine und durchaus mit der Schweiz vergleichbare Land ist ein gutes Beispiel für ein harmonisches Zusammenspiel von Top-down- und Bottom-up- Ansätzen: Die Regierung definierte die Grundsätze, die Systempartner genossen jedoch viel Freiraum, um ihre eigenen Wünsche zu integrieren. So gelang es in Dänemark, Regierung, Bürgerinnen und Bürger in ein Boot zu setzen. Realisiert wurde ein modularer Aufbau mit heute praktisch hundertprozentiger Abdeckung der Versicherten.

Auch Israel mit seinem weit fortgeschrittenen E-Health-System hat gezeigt, wie entscheidend ein Konsens von Kostenträgern, Leistungserbringern und Behörden für die EPD-Implementierung ist. Ein weiteres kleines Land ist tüchtig vorangekommen: Österreich, wo erst äusserst hitzige Diskussionen und eine grosse Ablehnung vonseiten der freien Ärzte herrschten, führt das EPD, dort ELGA genannt, systematisch Bundesland für Bundesland ein.

Neben länderweisen Umsetzungen ist eine andere Entwicklung zu beachten: Globalisierung findet auch beim EPD statt. So entwickeln grosse Unternehmen EPD-Lösungen völlig losgelöst von nationalen Strategien. Dazu zählen Kaiser Permanente oder Apple. Beide bieten EPD-Angebote, die weltweit genutzt werden können. Das wirft zwangsläufig die Frage auf, ob sich in einer immer stärker digitalisierten Welt nationale Lösungen überhaupt noch behaupten können und ob es sinnvoll ist, dafür Steuergelder einzusetzen und Strukturen aufzubauen, die nicht zu den Kernkompetenzen staatlicher Institutionen gehören. Ein wichtiges Gegenargument ist hingegen der Datenschutz und die persönliche Integrität der Versicherten. Hier darf mit Fug und Recht gefragt werden, ob multinationale Konzerne die gleichen Intuitionen hegen wie beispielsweise unsere Kantone.

Europa gibt Gas
Die grenzüberschreitende Vernetzung dürfte in jedem Fall an Bedeutung zunehmen. Das gelangt auch in der von der EU-Kommission betriebenen European-Single-Market-Strategie zum Ausdruck. So soll in Europa innert vier Jahren – der Start erfolgte 2016 – eine digitale E-Health-Infrastruktur aufgebaut werden. Die Basis dazu bildet das Europäische eHealth Network, eine Kooperation nationaler Gesundheitssysteme.

In Bezug auf die Technik geht es sinnvollerweise um die weltweit akzeptierten IHE-Richtlinien für eine interoperable Infrastruktur für elektronische Rezepte und Patientendossiers, die von der EU-Kommission bereits im epSOS-Projekt und dessen Nachfolgeprojekt EXPAND gefördert wurde. Zwanzig EU-Mitgliedsstaaten machen bei den aktuellen Anstrengungen mit, der Kreation der eHealth DSI (Digital Service Infrastructure). Zentrale Elemente sind dabei die von den teilnehmenden Staaten zu schaffenden National Contact Points (NCP). Sie sollen die Übertragung der elektronischen Rezepte und EPD-Daten sicherstellen. Die zu verarbeitenden Dokumente werden dabei so aufbereitet, dass sie für die nationalen Versorgungsstrukturen kompatibel sind.

Damit schliesst sich der Kreis: Ein systematischer, vernetzter E-Health-Einsatz soll ja gerade einen Beitrag zur wirtschaftlicheren und qualitativ besseren Versorgung leisten, dies unter engeren Fachkräfteressourcen. So ist es zu begrüssen, dass der gro¨sste Einfluss digitaler Technologien laut dem US-IT-Unternehmen Validic den folgenden vier Indikationen attestiert wird: 1. Chronische Krankheiten, 2. Herz- Kreislauf-Erkrankungen, 3. Stoffwechsel- Erkrankungen, 4. Erkrankungen des zentralen Nervensystems inklusive Alzheimer (Insights on Digital Health Technology Survey 2016). Es gibt viel zu digitalisieren – packen wir’s an!

Hans Balmer, Dr. rer. pol., Verleger «clinicum»

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