gs1-neton-header-03.jpg

Zirkulär, digital und klimaneutral

«Drei vom Fach» heisst das neue Interaktionsformat von GS1 Switzerland. Der erste Experten-Trialog griff Themen aus Vertiefungsstudien der jüngst publizierten Logistikmarktstudie Schweiz 2020 auf.

Die Podiumsdiskussion mit ausgewiesenen Logistikexperten wurde am zweiten Donnerstag im September 2021 erstmals online durchgeführt. Jan Eberle, Industry Engagement Manager Transport and Logistics bei GS1 Switzerland, wandte sich zu Beginn via Zoom an das zugeschaltete Publikum. Das Motiv für den neuen Online-Talk sei, so Eberle, die wichtigsten Inhalte und Erkenntnisse aus der alljährlich publizierten Logistikmarktstudie Schweiz (LMS) in einer audiovisuellen Form zu erörtern.

Finanziell und inhaltlich unterstützt wird die Studie von einer Trägerschaft, der namhafte private Logistikdienstleister und Verlader des nationalen Logistikmarkts angehören. Effektiv durchgeführt wird sie von einem Forschungsteam des Instituts für Supply Chain Management der Universität St. Gallen (ISCM-HSG), unterstützt durch GS1 Switzerland.

Folgerichtig war ISCM-HSG-Direktor Erik Hofmann einer der beiden ersten Talk-Gäste, sekundiert von Peter Blohm, Leiter Business Design und Regulation bei SBB Cargo. Hofmann bot einleitend einen Überblick über den Wandel der LMS hin zur jüngsten und nun fünfzehnten Ausgabe: «Das ursprüngliche Bestreben war, mehr Transparenz zum Gesamtlogistikmarkt Schweiz zu schaffen, basierend auf den Zahlen der Logistikdienstleister, Verlader (Industrie und Handel) und IT- sowie Intralogistik-Dienstleister.» Der Charakter der LMS habe sich inzwischen jedoch von einem Statistik-Grundlagenwerk in Richtung webbasierte Wissens- und Trendplattform fortentwickelt.

Zirkuläres Wirtschaften
Die Kreislaufwirtschaft war einer der drei herausragenden Top-Trends, welche die Expertenrunde aufgriff. Moderator Eberle verwies auf die von der Europäischen Kommission formulierte Green-Deal-Strategie, welche unter anderem die dauerhafte Entkoppelung des materiellen Verbrauchs an Rohstoffen von der Wirtschaftsentwicklung anstrebt: Wirtschaftswachstum ja, die Materialverbräuche sollen sich aber gleichzeitig auf einem bestehenden Niveau einpendeln.

Die Experten zeichneten in groben Zügen die Skizze, wie der Weg von der linearen Wirtschaftsweise zum zyklischen Wirtschaften zu schaffen sei: Verlangsamen, Verringern und Schliessen von Energie- und Materialkreisläufen innerhalb eines Ökosystems aus Lieferanten, Dienstleistern und Kunden, die gemeinsam Ideen entwickeln und schliesslich gemeinsam Verfahren und Standards dazu festlegen. Zweitens müsse die Forderung nach mehr Zirkularität der Material- und Energieflüsse Eingang in die Entscheidungsprozesse auf der Top-Etage finden. Drittens müsse es auf der Ebene des Alltagsgeschäfts gelingen, bei der Beschaffung von Ausrüstungsgütern auch Reuse-Aspekte zu berücksichtigen. Viertens müssten Produktionsgüter und Immobilien so beschaffen sein, dass sie in einem End-of-Life-Stadium ohne Komplikationen auseinandergenommen werden können, sodass Teile wiederverwendbar bleiben.

Die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft in den Alltag des Logistikgeschäfts zu integrieren sei allerdings nicht einfach. Man verstehe sich in erster Linie als Dienstleister, wandte Peter Blohm ein. Dennoch könnten Logistikdienstleister durchaus ihren Beitrag zu mehr Zirkularität leisten, indem sie bei Investitionen in Maschinen und Anlagen (wie Lagerhäuser, Flurförderzeuge, Reach-Stacker, Lkws usw.) nicht alles komplett auswechseln, sondern funktionsfähige Einzelteile wieder instandsetzen. Und seit Langem seien Logistikunternehmen auch Förderer des Recyclings, da sie die Rückführung von Altmaterialien für die Transformation in etwas Neues überhaupt erst ermöglichen. In der illustren Runde war man sich einig, dass sich mit dem Fokus auf Kreislaufwirtschaft auch neue, durchaus lukrative Geschäftsopportunitäten auftun.

Im digitalen Raum
Als zweites hoch relevantes Thema wurden digitale Marktplätze angeschnitten, die in einer der jüngsten LMS-Vertiefungsstudien ebenfalls erforscht werden. Hofmann definiert diese als «digitale Vernetzung von Prozessen, Objekten, Daten, Diensten und Menschen». Damit seien neue Wertschöpfungs-Netzwerke beziehungsweise Ökosysteme zu verstehen, die sich von früheren in grundsätzlichen Zügen unterscheiden. Er verdeutlichte: «Aktuell betreiben sieben der zehn weltweit wertvollsten Unternehmen ein plattformbasiertes Geschäftsmodell.» Noch vor einem Jahrzehnt habe man zu den Top Ten auch Grossunternehmen gezählt, die durch ihr eindrückliches Anlagevermögen (Anzahl Fabriken, Menge transformierter Rohstoffe usw.) glänzten.

Gemäss Peter Blohm verhalten sich die material- und anlagefokussierten Logistikakteure naturgemäss noch etwas traditionell und haben sich noch nicht gänzlich in den digitalen Raum verabschiedet: «Noch gibt es kein AirBnB in der Logistik. Hoch spannend, wer hier dereinst diese Rolle spielen könnte.» Natürlich arbeiten die Logistikkonzerne daran, unternehmensübergreifende Plattformen zu schaffen. Hofmann strickte auch bei diesem Thema den theoretischen Rahmen. Zu unterscheiden seien a) Transaktionsplattformen, welche Anfrage und Nachfrage für Logistikdienste zusammenführen, von b) datenzentrierten Plattformen, deren Kerninteresse das Schaffen grosser Datenpools ist. Am Horizont sind bereits c) Integrationsplattformen zu sichten, welche die Funktionalitäten der beiden ersteren zusammenfügen. Aus der Praxis des Schienengüterverkehrs erwähnte Blohm das Beispiel eines grenzüberschreitenden Buchungssystems, welches SBB Cargo mit vier Partnerunternehmen betreibt.

Moderator Jan Eberle vergass nicht, den Aspekt Datensicherheit in die Diskussion zu werfen, da Digitalisierung in der Logistik auch Zugriff auf werthaltige Warenströme bedeutet. Die Expertenrunde indes beurteilte die Chancen der digitalen Vernetzung höher als deren durchaus vorhandene Risiken.

Die Klimafrage
Kaum verwunderlich, dass die Expertenrunde sich auch zur «Klimaneutralität bis 2050» äusserte. Moderator Eberle führte ins Feld, dass die antriebstechnische Transformation des Logistiksektors in Richtung mehr Nachhaltigkeit zwar begonnen habe, aber sich nicht genug schnell bewege. «Schaffen wir die Klimaziele?», war seine rhetorische Frage an die Exponenten.

Hofmann gab sich skeptisch und hob die kolossale Aufgabe der Transformation des Strassen-, Schiffsund Luftverkehrs hervor, da alle Akteure auf alternative, CO2-emissionsfreie, Antriebsformen umrüsten müssten. Zwar sei die Schweiz ein Vorzeigeland bezüglich Inbetriebnahme batterie- oder wasserstoffbetriebener Lkws. Dennoch seien die Investitionskosten für solche Fahrzeuge um ein x-Faches höher als für herkömmlichen Zugmaschinen. Dann mache der Einsatz von Wasserstoff (H2) als Treibstoff nur Sinn, wenn dieser aus – wenn immer möglich – regenerativen Energiequellen gewonnen werde. Zudem fehle es – wie anderswo – an einer H2-Versorgungsinfrastruktur.

Manuel Fischer  
 

Logistikmarktstudie
Die Logistikmarktstudie ist verfügbar unter https://logistikmarktstudie.gs1.ch.

Um die Dienstleistungen von GS1 Switzerland zu nutzen, müssen Sie sich registrieren. Nach erfolgreichem Login können Sie den Studieninhalt via Kreditkarte erwerben.

Die Kosten betragen:
Mitglieder von GS1 Switzerland: CHF 149.00 Nicht-Mitglieder: CHF 249.00

Drei vom Fach
Das nächste Expertengespräch findet am 26. Januar 2022 anlässlich der Messe Logistics & Automation in Bern statt.

 

Nach oben