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Individueller, schneller, günstiger

Die besten Supply Chains sind vernetzte Ökosysteme. Die Basis dafür sind transparente Datenbestände, wie eine Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) zeigt.

Nach einem tiefen Blick in die weltweit gängige Best Practice haben die Experten der Unternehmensberatung PwC eine klare Meinung gewonnen: Die Supply Chain der Zukunft ist ein End-to-End vernetztes Ökosystem auf Basis eines einheitlich spezifizierten Datennetzwerks. Innerhalb dieses Supply-Chain-Ökosystems sind die Daten kontinuierlich und für alle Partner gleichzeitig und zeitnah verfügbar. Das verbessert das Informationsniveau und ermöglicht optimale Entscheidungsfindungsprozesse.

Die Zusammenarbeit mit Lieferanten, Logistikdienstleistern und Kunden erlaubt den Unternehmen eine bessere Koordination der Prozesse und tiefe Einblicke in Nachfragemuster. Firmenintern werden Funktionen wie Forschung und Entwicklung, Procure ment, Produktionsprozesse, Logistik sowie Marketing und Sales miteinander verbunden.

Den angestrebten Idealzustand der Supply Chain bezeichnet PwC als «End-to-End-Orchestrierung» . Er beinhaltet eine zeitnahe Integration aller Planungs- und Ausführungsvorgänge und die Automatisierung der meisten Prozesse und Entscheidungen in der Supply Chain sowohl firmenintern wie auch in der Zusammenarbeit mit externen Partnern.

Diese für viele Unternehmen wohl recht visionären Schilderungen sind bei einigen jedoch Realität. Der Vernetzungsgrad innerhalb der Supply Chain trennt die Spitzengruppe der Digital Champions von allen anderen Unternehmen, welche die PwC-Experten analysiert haben. Nur 36 Prozent aller Firmen bewerten ihre Supply Chain als firmenübergreifend integriert – bei den digitalen Champions sind es 81 Prozent.

Kosten sparen und Umsatz steigern
Für die Studie «Vernetzte und autonome Supply-Chain-Ökosysteme 2025» hat PwC in 33 Ländern weltweit mehr als 1600 Supply-Chain-Verantwortliche befragt, deren Unternehmen aus sieben Schlüsselbranchen wie der produzierenden Industrie, dem Automobilbau, Einzelhandel und Konsumgüter sowie Pharma, Medtech und Elektronik kommen.

PwC kategorisiert die Firmen anhand des erreichten Entwicklungsgrades ihrer Supply Chain in vier Klassen: digitale Champions, digitale Innovatoren, digitale Follower und digitale Novizen. Rund neun Prozent der Firmen schaffen es in die Spitzengruppe. Sie haben viele moderne Technologien implementiert, setzen stark auf Digitalisierung und die Mitarbeitenden unterstützen die digitale Transformation. Immerhin 40 Prozent sind digitale Innovatoren, weitere 43 Prozent digitale Follower. Am Schluss folgen rund acht Prozent in der Novizenklasse.

Die Efforts und Investitionen rund um die Supply Chain lohnen sich offenbar. Die digitalen Champions erzielen nach eigenen Angaben rund sieben Prozent Einsparung jährlich auf den operativen Kosten der Supply Chain, das sind deutlich mehr als bei der nächsten Vergleichsgruppe. Dazu addiert sich jedoch auch ein Umsatzplus von fast acht Prozent. Dieses speist sich aus einer höheren on-time in-full (OTIF) Lieferungsquote, weshalb die Firmen als kundenzentrierter wahrgenommen werden. Das erleichtert die Generierung von Neugeschäften, folgern die PwC-Experten. Zudem werden neue Geschäftsmodelle oder innovative digitale Services einfacher implementiert. Ferner geben 28 Prozent der Firmen in der Spitzengruppe an, dass ein effektiveres Risikomanagement ebenfalls zu den Paybacks ihrer Supply-Chain- Konzepte gehört. Ihr Lagerbestand dreht sich ausserdem um rund die Hälfte schneller als derjenige der digitalen Novizen.

Die Besten nehmen Transparenz besonders ernst
Der zentrale Katalysator für die Errungenschaften entlang der Supply Chain ist die Transparenz. Natürlich bewerten die meisten Firmen Transparenz in der Supply Chain als wichtig, aber die digitalen Champions nehmen sie eben noch ein wenig wichtiger. Rund 55 Prozent von ihnen sehen in der Transparenz der Supply Chain eine ihrer wichtigsten oder Top-Prioritäten. Mehr als doppelt so viele wie in der Gesamtheit aller Unternehmen haben bereits entsprechende Lösungen implementiert und damit Investitionen in die Transparenz der Supply Chain getätigt. Grosse Hoffnungen ruhen insbesondere auf Anwendungen mit künstlicher Intelligenz.

Fast die Hälfte (47 Prozent) der digitalen Champions nutzt einen digitalen Zwilling der eigenen Supply Chain. Damit optimieren diese Firmen die Total Cost of Ownership dynamisch. Das hohe Transparenzniveau erleichtert es ihnen zudem, dem steigenden Verlangen nach Nachhaltigkeit entlang der ganzen Supply Chain entgegenzukommen, da sie ihre Produkte umfassend verfolgen können.

Das transparente Informationsnetzwerk bildet dabei alle Daten ab, die aus verschiedenen Quellen entlang der Supply Chain entstehen und relevant sind – vom Rohmaterial bis zum Kunden und bei Bedarf auch zurück. Entlang des Produktlebenszyklus wissen die Firmen, was aus welchen Materialien wo und wie hergestellt wurde. Der sauber dokumentierte Ursprungsnachweis für die Produkte ist vor allem unter ESG-Gesichtspunkten wichtig, wenn beispielsweise die Unbedenklichkeit hinsichtlich Umwelt oder Arbeitsbedingungen nachweisbar sein soll. Das Akronym ESG steht für «Environmental, Social, Governance», also Aspekte von Umweltschutz, sozialer Gerechtigkeit und guter Unternehmensführung.

Autonomie auf Basis transparenter Daten
Natürlich reicht die Transparenz aber noch weiter und umfasst ausgehend vom Lagerhaus über den Versand, die verwendeten Transportmittel und Ereignisse unterwegs den ganzen Zustellprozess. Aus Produktfeedbacks ergeben sich Informationen zum Kundenverhalten. Die intelligente Auswertung der so erhaltenen umfassenden Datenmengen fördert das Verständnis komplexer Supply Chains und hilft bei der Verbesserung von Schlüsselparametern. Das sehen die PwC-Experten als erste Schritte auf dem Weg zu einer autonomen Supply Chain.

Rund 13 Prozent der Digital Champions nutzen bereits Anwendungen künstlicher Intelligenz in einem Control Tower. So werden Echtzeitinformationen über Auslieferung und Verbrauch für die Lager- und Beschaffungsplanung nutzbar gemacht. Der Control Tower übernimmt die Entscheidungsfindung oder erleichtert sie und trägt damit zur Prozessoptimierung bei.

Die Schnittstelle zwischen der physischen und der digitalen Welt sind weiterhin smarte Logistiksysteme. Bei den Digital Champions ist die smarte Logistik für mehr als die Hälfte aller Einsparungen in der Supply Chain verantwortlich. Gleichzeitig liefert sie die Basis für neue Umsatzströme aus B2B2C- oder B2C-Geschäftsmodellen. Smarte Logistik kanalisiert den Güterfluss vom Ursprungsort an den Verbrauchsort – immerhin der zentrale Leistungsteil einer Supply Chain. Erst mit der konsequenten Vernetzung der an der Lieferkette beteiligten Unternehmen entsteht die Transparenz, dank der eine integrierte Planung möglich ist.

Mitarbeitende in der Schlüsselrolle
An dieser Stelle kommt es auch zu einer bedarfsgerechten dynamischen Segmentierung der Supply Chain. Vor allem die digitalen Champions setzen auf die Segmentierung der Supply Chain. Sie erlangen durch smarte Algorithmen eine grössere Kundenzentrierung und Flexibilität sowie höhere Durchsatzraten. Rund drei Viertel der Firmen in der Spitzengruppe des Vergleichsfeldes nutzen dieses Vorgehen. Über alle Kanäle hinweg erlaubt das einen kundenzentrierten Ansatz bei gleichzeitiger Optimierung des Costto- serve-Verhältnisses.

In einer segmentierten Supply Chain gestalten Firmen die Abläufe zwischen Lieferant und Kunde einer Vielzahl individuell differierender Attribute folgend gezielt unterschiedlich. Anfangs wurden noch bestimmte Kunde-Produkt- Kombinationen einem vordefinierten Supply-Chain-Segment zugeteilt. Mittlerweile ist das Konzept aber einer flexiblen, anforderungsgesteuerten Konfiguration gewichen, in welcher jede Transaktion dynamisch einem Supply- Chain-Segment zugewiesen wird. Übergreifende Schlüsselprozesse wie Planung, Beschaffung oder Lieferung lassen sich dann den individuellen Geschäftsanforderungen entsprechend optimal gestalten.

Die umfangreiche Analyse von PwC hebt noch einen firmeninternen Aspekt heraus, der für die erfolgreiche Umsetzung solcher Pläne sehr relevant ist. Die Fachleute raten dazu, interne Supply-Chain-Teams und -Communitys zu bilden. Diese sollten funktionsübergreifend etabliert werden und Ansätze der kontinuierlichen Entwicklung und der fortlaufenden betrieblichen Integration der Arbeitsergebnisse nutzen. Damit die Mitarbeitenden die in diesen Zirkeln notwendigen Kompetenzen mitbringen, benötigen Unternehmen eine selbstlernende und sich kontinuierlich verbessernde Organisation. Sie müssen künftig mehr Talente im Digitalbereich für sich gewinnen und die bestehende Belegschaft für die Errungenschaften der Digitalisierung im Hinblick auf die Supply Chain nicht nur sensibilisieren, sondern auch entsprechend weiterbilden.

Ausserdem sollten Unternehmen ihre technologische Ausrüstung maximal modernisieren und die IT samt ihren erweiterten Analysefähigkeiten in die Lieferkette integrieren. Erst das Zusammenführen von Geschäft, Prozessen, IT und avancierten Analysefähigkeiten mache eine geschäftsgetriebene Transformation möglich, heisst es. Während digitale Novizen und Follower hier noch viel Wert auf die Integration der IT in die Supply Chain legen, um IT und Geschäft besser zu verbinden, befassen sich die Digital Champions bereits mit der Implementierung analysierender Funktionen in die technisch vollendete Supply Chain, um sie zu einem höheren Autonomiegrad weiterzuentwickeln.

Alexander Saheb

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