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Das Stehaufmännchen Resilienz

Widerstandsfähige Lieferketten sind für Logistikunternehmen überlebenswichtig. Investitionen in die Resilienz sorgen dafür, dass Störungen schnell behoben oder vorausgesehen werden können. Agilität, Redundanz, Dezentralität, Diversität und Lernprozesse sind wichtige Faktoren für resiliente Supply Chains.

Pandemie, Cyberangriffe, blockierter Suezkanal und Klimawandel haben die letzten Jahre geprägt. Neu kommt der Konflikt in der Ukraine hinzu und wirbelt die Märkte durcheinander. Das Thema Resilienz erlebt einen regelrechten Hype und stellt die Lieferketten vor eine harte Zerreissprobe.

Modewort oder mehr?
«Resilienz» ist dabei, den Begriff der «Nachhaltigkeit» in Bezug auf die Häufigkeit seiner Verwendung zu verdrängen. Bei der OECD ist «ökonomische Resilienz» zu einem Leitbegriff im Kontext der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung geworden. In wirtschaftspolitischen Zielformulierungen der EU gehört der Begriff inzwischen zum Standardvokabular.
Was heisst Resilienz überhaupt? Das Wort hat seinen Ursprung im Lateinischen und steht für zurückspringen, abprallen. Zuerst wurde der Begriff in der Physik verwendet. Hier ist damit die Eigenschaft eines Werkstoffs gemeint, der nach einer Verformung durch Druck und Belastung von aussen wieder in die ursprüngliche Form zurückfindet.
In Bezug auf ökologische Systeme steht Resilienz für die Fähigkeit eines Systems, Störungen zu absorbieren und sich in Phasen der Veränderungen neu zu organisieren, sodass wesentliche Strukturen und Funktionen erhalten bleiben. Auch technologische Systeme schliessen sich der ökologischen Begriffsdefinition an. Sie werden als resilient bezeichnet, wenn sie ihre Funktionen weiterhin erfüllen können, auch wenn negative Einflüsse von aussen einwirken. Die Resilienz solcher Systeme wird durch Redundanzen gestärkt. Bezogen auf den Menschen versteht man unter Resilienz die Fähigkeit, auf wechselnde Lebenssituationen und Anforderungen flexibel und angemessen zu reagieren sowie schwierige und belastende Situationen ohne psychische Folgeschäden zu meistern.

Resiliente Supply Chains
Im Kontext von Lieferketten steht Resilienz für die Fähigkeit, sich von unvorhergesehenen Herausforderungen und Risikoereignissen zu erholen. Eine resiliente Lieferkette kann schnell auf Risiken und Störungen reagieren und sich ohne grosse organisatorische Auswirkungen schnell erholen, indem das Lieferkettensystem angepasst oder verbessert wird.

Wie aber lässt sich eine resiliente Lieferkette schaffen? Das Beratungsunternehmen Goetzpartners hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt und Faktoren für eine resiliente Supply Chain identifiziert.

Agilität
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Resilienz einer Supply Chain ist ihre Agilität. Van Assen und Youssef definieren Agilität als schnelle und flexible Reaktion auf äussere Einflüsse. Wenn die Supply Chain in der Lage ist, sich aktiv und flexibel an die veränderten Bedingungen anzupassen, können Krisen bewältigt werden.
Die Reaktion auf Veränderungen ist das eine, die Geschwindigkeit der Reaktion das andere. Agile Organisationen sind auch schnell in ihrer Reaktion auf Veränderungen. Mehr noch: Durch ihren Blick nach aussen – auf Kunden und technologische Möglichkeiten – sowie ein ausgeprägtes Risikomanagement sind sie sogar in der Lage, zukünftige Entwicklungen vorwegzunehmen.
Im Fall der agilen Supply Chain wird nach einer Störung die Ausgangssituation nicht unbedingt wieder erreicht. Sie nimmt die äusseren Einflüsse auf, reagiert unmittelbar auf die Störung und bleibt im Fluss. Als Beispiel kann der Wechsel eines Lieferanten angeführt werden, der den vorherigen ohne weitere Auswirkungen auf Qualität und Prozesse ersetzt. Bei der resilienten Supply Chain wird dagegen nach einer Störung die Ausgangssituation aus eigener Kraft wieder erreicht, beispielsweise nach einer Naturkatastrophe.

Redundanz
Ein weiterer Faktor, der die Resilienz einer Supply Chain stärkt, ist Redundanz. Werden Strukturen, Informationen oder andere Elemente mehrfach an verschiedenen Stellen genutzt, so führt die Redundanz zu einheitlichen und austauschbaren Prozessen. Sind die Voraussetzungen an verschiedenen Produktionsstandorten dieselben, kann im Ernstfall schnell auf andere Niederlassungen ausgewichen werden. Existiert jedoch nur ein Produktionsstandort oder nur ein Zentrallager, gerät in einem Störfall die gesamte Lieferkette in Gefahr.
Zwar ist die Erzeugung von Redundanz eine einfache Methode, um eine Supply Chain resilient zu machen, allerdings ist sie auch kapitalintensiv und steht im Widerspruch zu dem, was heute unter einem leistungsfähigen, schlanken Produktionssystem verstanden wird.

Dezentral und divers
Um Engpässe zu vermeiden, sollten Lieferketten dezentral organisiert sein. Rohstoffe sollten nicht nur an einen zentralen Standort geliefert und von dort weiterverteilt werden, sondern möglichst an verschiedene Standorte. Auch Diversifizierung und Multi- Sourcing können Lieferketten resilienter machen. So sorgt der Bezug von Vorleistungen von mehreren Lieferanten aus verschiedenen Ländern für die Stabilität der Lieferkette und ermöglicht ein schnelles Wiederaufnehmen der normalen Produktionstätigkeit nach einer Störung.
Da externe Einflüsse wie Kriege, Naturkatastrophen oder Boykotte eine erhebliche Bedrohung für Unternehmen darstellen, muss das Management mit Mitarbeitenden und Lieferanten im Austausch stehen. So findet sich Dezentralität auch in der Weitergabe von Informationen wieder.
Resiliente Unternehmen zeichnen sich durch Diversität der Mitarbeitenden und eine Kultur der Gleichstellung aus. Es braucht unterschiedliche Blickwinkel, Erfahrungen, Weltanschauungen und Fähigkeiten. Eine vielfältige Belegschaft kann auf Veränderungen schneller, besser und passender reagieren.
Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass Unternehmen frühzeitig in die eigene Widerstandsfähigkeit investieren, und vor allem, was zu unternehmen ist: üben, üben, üben, Notfallszenarien entwickeln, planen, durchspielen und lernen.

Joachim Heldt

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