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«Supply Chain Managerinnen und Manager sind die Fachleute der Stunde»

Nicht mehr funktionierende Lieferketten werfen ein Schlaglicht auf die Systemrelevanz der Logistik. Im Gespräch mit GS1 network skizziert Mathias Siegenthaler, Geschäftsführer des Personalvermittlers Logjob AG, welche Initiativen nun am Start sind, um die bereits bestehende Vielfalt der Logistik- Ausbildungen besser zu koordinieren, sichtbarer zu machen und zu ergänzen.

GS1 network: Der Fachkräftemangel ist in vielen Branchen und Wirtschaftssektoren ein Thema. Wie wirken sich die Corona-Pandemie und deren Nachwehen auf den Logistik-Arbeitsmarkt aus?
Mathias Siegenthaler: Die Corona-Krise hat gezeigt, dass die Logistik systemrelevant ist. Wir Berater von Logjob AG stellen fest, dass die Pandemie die Situation in der Logistik nachhaltig verändert hat. Ganze Branchen wurden hart getroffen. Hier gab es Kurzarbeit und leider auch Entlassungen. Wir haben Kunden, bei welchen die internationale Lieferkette unterbrochen wurde. Sie hatten zwar noch Aufträge und genügend Mitarbeitende, aber keine Ware mehr. Augenfällig waren Beispiele aus der Automotive- Branche oder dem Zweiradhandel: Unternehmen erhielten keine Pneus mehr oder keine Komponenten aus Ländern wie Vietnam oder Korea. Es war interessant zu sehen, dass vermeintliche Unzulänglichkeiten wie hohe Lagerbestände bei einem Hersteller sich plötzlich zu einem Marktvorteil wandelten. Wir werden uns in der Nach-Coronazeit einer neuen Realität stellen, wo Resilienz in der Supply Chain eine ganz neue Bedeutung gewinnt.

Der E-Commerce-Schub wird ebenfalls einen Einfluss haben?
Wir erleben gerade, wie einige Branchen an Gewicht gewinnen, andere verlieren. Diese Verschiebung beeinflusst auch direkt die Nachfrage nach Fachkräften. Seit Mai 2021 verzeichnen wir eine grössere Nachfrage nach Kandidatinnen und Kandidaten mit Erfahrung in der Digitalisierung und im E-Commerce, aber auch in der Beschaffung. Ausgewiesene Supply Chain Manager sind sehr gesucht. Hatten diese bisher wenig Beachtung, sind es jetzt sie, welche die globalen Lieferketten neu komponieren müssen, um die Versorgung mit den nötigen Gütern zu gewährleisten.

Welche Kompetenzen braucht es im Tätigkeitsfeld Logistik morgen und übermorgen?
Wir sind überzeugt, dass die Logistik in Zukunft weiter an Komplexität zulegen wird. Logistiksysteme müssen noch flexibler werden, sich rascher den aktuellen Rahmenbedingungen und Bedürfnissen anpassen und dazu immer grüner werden, denn Logistik ist auch eine umweltrelevante Tätigkeit. Innovative Verteilsysteme und nachgelagerte Feinverteilung in Ballungszentren verlangen im Betrieb nach qualifizierten Fachkräften. Diese strategischen, technischen und organisatorischen Anforderungen konnten bisher zumeist nur von Kandidatinnen und Kandidaten mit einem Hochschul- oder Uniabschluss erfüllt werden. Die Bildungsangebote müssen sich ändern: So muss IT künftig eine wichtigere Rolle einnehmen. Davon sind wir überzeugt.

Müssen neue nichtformale Weiterbildungen entwickelt und/oder bestehende Angebote an Hochschulen aktualisiert werden?
Es gibt heute eine Vielzahl geeigneter Weiterbildungsangebote, von privaten Institutionen bis zu den Hochschulen. Diese werden laufend überarbeitet und den aktuellen Marktbedürfnissen angepasst, auch in Zusammenarbeit mit uns. Es entstehen zudem neue, spannende Angebote wie beispielsweise der im Herbst 2021 erstmals gestartete Bachelorstudiengang in Digital Supply Chain Management der Fachhochschule Graubünden (FHGR) oder der Masterstudiengang im Bereich Logistik und Supply Chain Management der Hochschule Luzern (HSLU) in Zusammenarbeit mit dem Logistikum Schweiz.

Wie sieht es aus mit der Sensibilisierung der Unternehmen bezüglich der permanenten Weiterbildung ihrer Belegschaft?
Gemäss der Statistik der beruflichen Aus- und Weiterbildung des Bundesamtes für Statistik unterstützen heute bereits 89 Prozent der Unternehmen einen Teil ihrer Belegschaft in der beruflichen Weiterbildung. Fast alle mittleren und grossen Unternehmen sind weiterbildungsaktiv. Bei den kleinen Unternehmen ist dies oft weniger der Fall, sie haben jedoch in den letzten Jahren den grössten Sprung nach oben gemacht. Die kontinuierliche Weiterbildung ist als wichtig erkannt worden. Aber auch Mitarbeitende müssen sich laufend weiterbilden wollen. Eine hohe intrinsische Motivation ist eine wichtige Voraussetzung, damit Weiterbildung gelingt.

Es braucht aber auch materielle und immaterielle Anreize, nicht wahr?
Es gibt Anreize, welche die Bereitschaft, eine Weiterbildung zu beginnen, positiv beeinflussen. Diese können immaterieller Art sein – wenn es beispielsweise möglich ist, die Weiterbildung während der Arbeitszeit zu besuchen, oder wenn die Wahrscheinlichkeit einer Beförderung steigt –, aber auch materieller Art, wenn der Arbeitgeber die Weiterbildungskosten übernimmt und sich eine Weiterbildung langfristig finanziell auszahlt. Die positiven Effekte für die Unternehmen sind evident: Die Motivation der neu ausgebildeten Fachkräfte und deren Verpflichtung gegenüber ihrem Arbeitgeber steigen. Die Produktivität und die Innovationsfähigkeit verbessern sich.

Die Logistik muss noch hart an ihrem Image arbeiten: Was tun?
Einerseits durch gezielte Initiativen, welche das Ansehen von Logistik, Supply Chain und Transport in der Schweiz fördern und die breite Öffentlichkeit informieren und aufklären: Die nationale Versorgung mit den Bereichen Beschaffung, Logistik, Lagerung, Transport, Spedition, Verpackung sowie Entsorgung und Recycling bildet ein systemrelevantes Rückgrat der Schweizer Volkswirtschaft. In der Schweiz sind ein Fünftel der Arbeitnehmenden, gesamthaft also über eine Million, direkt oder indirekt in diesem Bereich tätig. Trotz dieser zentralen Bedeutung für Wirtschaft und Bevölkerung wird deren Leistungsbeitrag unterschätzt. Es fehlt oft an Kenntnis über die vielseitigen Berufsbilder und Karrieremöglichkeiten. Deshalb gründeten sieben Organisationen 2021 die Vereinigung Swiss Supply, welche sich dieser Aufgabe angenommen hat.

Ist das Arbeitsumfeld Logistik genügend attraktiv für berufstätige Frauen?
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bildet eine grosse Chance. Es ist unsinnig, gut qualifizierte Menschen und insbesondere Frauen von der Arbeitswelt auszuschliessen. Dafür benötigt es flexible Arbeitszeitmodelle, aber auch entsprechende Betreuungsangebote. Grosse Detailhandelsketten sind sensibler geworden gegenüber dem Bedürfnis, ausserfamiliäre Betreuungsarbeit zu unterstützen.

Braucht es nach Ihrer Einschätzung auch auf Stufe Grundbildung neue Berufe in der Logistik?
Das Berufsbild des klassischen Logistikers hat sich in den letzten Jahren fundamental verändert. Die Logistik wird in Zukunft weiter an Komplexität zulegen. Logistikerinnen und Logistiker müssen heute nebst dem physischen Warenfluss auch über eine hohe Affinität für ERP- und LVS-Anwendungen verfügen. Diese Anforderungen müssen laufend in der Grundbildung Berücksichtigung finden. Der kaufmännische Bereich bildet aus unserer Sicht ebenfalls ein Potenzial. Bereits heute werden zahlreiche Kaufleute in der Logistik oder in einem logistiknahen Umfeld ausgebildet. Die Branche sollte dieses wertvolle Wissen besser nutzen. Man könnte hier mehr tun und ein vertieftes Angebot schaffen: Ich denke an das Berufsbild «Speditionskaufmann/frau» wie in Deutschland.

Mit Logistik-Ausbildungen im weitesten Sinne befassen sich gleich mehrere Verbände. Braucht es im Hinblick auf künftige Kompetenzprofile nicht mehr Austausch zwischen den Aus- und Weiterbildungs- Verantwortlichen dieser Verbände?
Bereits seit Jahren treffen sich die Bildungsverbände ASFL-SVBL, ASTAG, GS1, procure.ch und Spedlogswiss regelmässig zum Austausch und zur Abstimmung ihrer Grund- und Weiterbildungsangebote. Mit der neuen Vereinigung Swiss Supply wird es künftig möglich sein, diese Koordination zu optimieren und weitere, möglichst alle Marktplayer miteinzubeziehen. Aktuell wird eine Bildungsmarktübersicht als Flyer und online – als Pilot unter www.swiss-supply.life – erstellt, die es den Interessierten erleichtern wird, sich zu informieren.

Die Fragen stellte Manuel Fischer. 

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