gs1-neton-header-01.jpg

So nah und doch so fern

Sie finden, dass 2023 noch weit weg ist? Hochrangige Referenten und Teilnehmer des diesjährigen GS1 Business Days waren anderer Meinung. Sie trafen sich bei der mittlerweile 8. Auflage des Events zu einem vielseitigen und spannenden Gedankenaustausch zum Thema «Konsumgüter 2023+».

(kb) Ungeachtet ihrer mitunter unterschiedlichen Ansichten und Betrachtungsweisen herrschte bei allen Referenten in einem Punkt Einigkeit: Die Konsumgewohnheiten der Schweizerinnen und Schweizer haben sich in den vergangenen zehn Jahren verändert und werden sich aller Voraussicht nach in den kommenden zehn Jahren noch weiter verändern. Als Beispiel für diese Erkenntnis durchzog ein Konsumgut wie ein roter Faden die gesamte Veranstaltung: das Smartphone.

Smarte Diskussionen
So wie das Wort «Smartphone» in den Vorträgen immer wieder fiel, nutzten die Teilnehmenden ihre Smartphones, um Fragen via Twitter oder SMS zu stellen. Aufgegriffen von Stephan Klapproth, wurden die Fragen konsequent in die Diskussionen integriert. Der «10vor10»-Moderator führte souverän durch die Tagung und punktete mit seinen pointierten Bemerkungen und spritzigen Resümees. Die spontan gereimte Zusammenfassung der Diskussion zwischen unterschiedlichen Vertretern der Konsumgüterbranche war dabei sicherlich das Highlight.
Unterstützung bekam er von Beat Kappeler, Autor der «NZZ am Sonntag», der die hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion von Geschäftsführern aus Industrie und Handel leitete. Ralf T. Gehlen (Procter?&?Gamble Schweiz), Erland Brügger (Rivella AG), Benjamin Brüser (Diehl&Brüser Handelskonzepte GmbH) sowie Meinrad Fleischmann (Pfister Arco Holding) diskutierten angeregt verschiedenste Aspekte des Konsumgütermarktes: von Kundenprofiling über eCommerce bis hin zur Deklaration der Herkunft.


 

«Qualität wird neben den kundenspezifischen Anpassungen künftig eine wichtige Rolle spielen.»

Dr. Boris Zürcher, Direktor und Chefökonom, BAK Basel


 

Entmaterialisierung des Konsums
Gegensätzliche Positionen bezogen Dr. Boris Zürcher und Hanspeter Guggenbühl in ihren Referaten und der anschliessenden Diskussion. Dr. Boris Zürcher zeigte zunächst die makroökonomische Entwicklung der Schweiz im internationalen Vergleich auf. Verglichen mit den Ländern der Euro-Zone weist die Schweiz ein höheres Wachstum auf, was nicht zuletzt auf die quasi existierende Vollbeschäftigung sowie die höheren Einkommen zurückzuführen ist.
Bezüglich der Art der konsumierten Güter ist ein Wandel festzustellen: «Man kann von einer regelrechten Entmaterialisierung des Konsums sprechen. Die Tendenz geht klar weg von den physischen Produkten hin zu Dienstleistungen», so Dr. Boris Zürcher. «Festzuhalten ist ebenfalls, dass die Zukunft nicht der Standardisierung, sondern den massgeschneiderten Gütern gehört. Prozessstandards können die Qualität der fertigen Güter steigern. Und Qualität wird neben den kundenspezifischen Anpassungen künftig eine wichtige Rolle spielen», schloss der Direktor und Chefökonom von BAK Basel seine Ausführungen.
Kontrastiert wurden diese von Hanspeter Guggenbühl. Der freie Journalist führte in einem mitunter satirischen Referat aus, wie die Produktivität des Konsums gesteigert werden kann. Anhand verschiedener Beispiele illustrierte er, dass nur ein Bruchteil der Kapazitäten der Konsumgüter ausgeschöpft wird. Beispiel: die Zweitwohnung verringert den Nutzen der
Erst­wohnung. Technologische Entwicklungen verschärfen dies insofern, als sie vorangehende Güter entwerten. So hat das iPhone den iPod entwertet. «Unser heutiger Konsum hat aufgrund des hohen Ressourcenverbrauchs langfristig keine Zukunft. Nachhaltiger Konsum ist gut, aber effizienter Konsum ist besser», so Guggenbühl. Sein aufgezeigter Lösungsansatz lässt sich mit dem Motto «Weniger ist mehr» zusammenfassen.


«Nachhaltiger Konsum ist gut, aber effizienter Konsum ist besser.» Hanspeter Guggenbühl, freier Journalist


Crosschanneling, Convenience und Nachhaltigkeit
Peter Fickentscher und Valentin Wepfer hingegen beschäftigten sich nicht mit der Nutzenbilanz von Smartphones, sondern damit, wie selbige die Konsumgewohnheiten beeinflusst haben. «Es gilt sicher festzustellen, dass neue Technologien wie Smartphones unser Konsumverhalten weiter beeinflussen werden. Konsumenten werden sich immer mehr in verschiedenen Kanälen bewegen. Crosschanneling wird also eine Selbstverständlichkeit, und die Kommunikation bewegt sich weg von einseitigen Konzepten hin zu inter­aktiven Prozessen», erläuterte Peter Fickentscher, Mitglied der Geschäftsleitung von GfK Schweiz.
Die Ergebnisse des aktuellen GS1 Reports, vorgestellt von Valentin Wepfer, stellvertretender Geschäftsführer von GS1 Schweiz, belegen dies: 62 Prozent der Schweizer Konsumenten sind bereit, zwei oder mehr Technologien für ihren Einkauf zu verwenden. Peter Fickentscher zählte neben Vernetzung und Mobilität auch Convenience zu den Trends der Zukunft. Auf Nachhaltigkeit ging er dabei besonders ein: «Nachhaltigkeit und Transparenz werden zu einem Wettbewerbsvorteil.»

Der Computer der Zukunft
Auf viel Resonanz stiessen die Aus­führungen von Zukunftsforscher Lars Thomsen. Smartphones wirken im Vergleich zu den technologischen Entwicklungen, auf die der Chief Futurist der future matters AG die Teilnehmer einstimmte, schon fast überholt: humanoide Roboter, die via Clouds parallel lernen können, oder automatisierte Beantwortung von E-Mails sind zwei eindringliche Beispiele. Doch auf einen Punkt wies Lars Thomsen – der übrigens ganz ohne technische Hilfsmittel für die Präsentation auskam – wiederholt hin: «Man kann zwar durchaus von künstlicher Intelligenz sprechen, aber Innovationen werden grundsätzlich von Menschen entwickelt. Und genau den Menschen erachte ich als die knappste Ressource.»

Angeregtes Networking
Schlussreferent Prof. Dr. Harro von Senger bewegte sich in seinen Ausführungen weg vom Smartphone und hin zur Philosophie des Reichs der Mitte. Nach diesen letzten Denkanstössen konnten die Teilnehmer zum Networken und zum Reflektieren der Inhalte von einem reichhaltigen Apéro profitieren. «Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs. Dabei denke ich, dass Zukunft nicht nur eine Verlängerung der Vergangenheit ist, sondern vielmehr eine neue Erfindung, die von uns Menschen gemeinsam gemacht wird», resümierte Lars Thomsen.
Auch Anastasia Li-Treyer, Direktorin des Markenartikelverbands Promarca, konnte wertvolle Erkenntnisse mitnehmen: «Es war sehr vielseitig. Spannend fand ich die Zahlen zur weiterhin zunehmenden Entmaterialisierung des Konsums sowie die Ausführungen zur künstlichen Intelligenz. Aus Markenartikel-Sicht waren insbesondere die Themen rund um die Mitbestimmung der Konsumenten bei der Entwicklung neuer Produkte sowie massgeschneiderte Produkte relevant.»
Der nächste Business Day findet am 13.November 2013 in Zürich statt. Wir haben hier ein paar Impressionen für Sie zusammengestellt.

Katharina Birk

 

Nach oben