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Besitzen ist out – teilen ist in

Nach dem Aus der New Economy liegt die Hoffnung auf den neuen Web-Start-ups der Shareeconomy. Auch in der Schweiz wird Teilen zu einem neuen Lebensmotto: Über Sharoo tausche ich mein Auto, über Mila Dienstleistungen, über HouseTrip Wohnungen, und bei Foodsharing ist einiges am Kochen.

Besitz und Eigentum sind heute immer noch zentrale Elemente unserer Gesellschaft. Ohne Eigentum kein Genuss, so lautet die Philosophie der Marktwirtschaft.«Teilen ist das neue Haben» lautet hingegen der Trend, der uns weg vom individuellen Besitz hin zum gemeinsamen Konsum führen soll. Shareconomy und Collaborative Consumption heissen die Begriffe, die laut«Time Magazine» die Welt verändern dürften. Das Magazin hat den Trend bereits vor drei Jahren erkannt und in den Kreis der zehn besten Ideen erhoben, welche die Welt verändern werden.

Sharing oder KoKonsum?
Als ein Vordenker der Share Economy gilt der Harvard-Ökonom Professor Martin Weitzmann. In seinem 1984 erschienenen gleichnamigen Buch untersuchte er, ob fixe oder erfolgsbezogene Vergütungen für Arbeit zu höherem Wohlstand führen. Seit der next09 in Hamburg wurde der Begriff Share Economy zunehmend mit dem Internet in Verbindung gebracht. Inhalt und Wissen werden im Internet von den Teilnehmern nicht nur empfangen und konsumiert, sondern auch weiterverbreitet. Und seit der CeBIT2013 heisst das Top-Thema «Shareconomy».

Sharing hat Potenzial. Das jüngste Kind der Community heisst Sharoo. Die Carsharing-Plattform will die Standzeiten verringern und die Fahrzeuge effizienter nutzen.Konsum ist der Wachstumstreiber für die Wirtschaft. Unser Wirtschaftssystem ist auf Wachstum ausgerichtet. 2009 bis 2011 beliefen sich in der Schweiz die gesamten Konsumausgaben eines Haushalts im Durchschnitt auf 5437 Franken pro Monat. Was macht aber das Teilen plötzlich so interessant? Was steckt hinter den Begriffen«Sharing» oder «KoKonsum»? Der Trend zum Teilen hat verschiedene Gründe. Laut Karin Frick, Co-Autorin der GDI-Studie «Sharity», schafft das Familienleben die Voraussetzung: «Wir lernen zu teilen, bevor wir zu kaufen lernen.» Sharing ist ein sozialer Akt und eine Bedingung für das Bestehen einer Gemeinschaft.

Dass Menschen Dinge tauschen und teilen, ist kein neues Phänomen. Noch heute findet jeweils am Freitag vor dem Eidgenössischen Buss- und Bettag in der bernischen Gemeinde Sigriswilder «Chästeilet» statt. Im Justistal teilen Landwirte ihren Käse im Verhältnis zur Milchleistung der Kühe. In Wohngemeinschaften werden Badezimmer, Küche und Wohnzimmer von mehreren Personen gemeinsam genutzt.1987 gründeten acht Personen die ATG Auto Teilet Genossenschaft,und im gleichen Jahr wurde in Zürich die ShareCom Genossenschaft gegründet. Der Anfangsbestand beider Genossenschaften war jeweils ein Auto.Zehn Jahre später erfolgte die Fusion zur Mobility Genossenschaft mit rund 760 Fahrzeugen und 18 000 Kundinnen und Kunden.

Beim Trend zum kollektiven Konsum handelt es sich um eine Wiederbelebung von bekannten Nutzungsformen. Durch das Internet erhält das Teilen aber eine neue Qualität und Dimension. Anbieter und Nachfrager aus aller Welt werden in Sekunden zusammengebracht. Eine zusätzliche Dynamik erhält die Shareconomy durch die Smartphones und Tablets. Laut Comparis.ch beträgt der Anteil der Smartphone-Besitzer in der Schweizer Bevölkerung knapp 70 Prozent.

Sharing ist nicht gleich Teilen
In den Topf «Sharing» wird vieles geworfen, was eigentlich unterschieden werden müsste. Die GDI-Studie differenziert zwischen dem «Sharing» von Informationen und dem «Teilen» des Autos oder der Bohrmaschine. Der kleine, aber entscheidende Unterschied:I nformation wird nicht weniger, wenn wir sie mit Freunden teilen.Wenn wir aber unser Auto oder die Bohrmaschine mit anderen Menschen teilen, dann müssen wir, zumindest zeitweilig, darauf verzichten. Das zeigt sich auch im Begriff selbst. Das englische «to share» steht für Teilen im Sinne der gemeinsamen Nutzung und nicht für Trennen vom Besitz. Auf Deutsch enthält «Teilen» zwei gegensätzliche Bedeutungen: neben Gemeinschaft auch Trennung.

Couchsurfing: eine preiswerte Alternative zu normalen Reisen.Teilen heisst das neue Haben. Laut der GDI-Studie ist vor allem die jüngere Generation dafür offen. Am meisten teilen die 18- bis 29-Jährigen (51 Prozent) ,am wenigsten die 50- bis 74-Jährigen (39 Prozent). Der gemessene Unterschied zwischen den Generationen hängt teilweise auch mit der Technologie zusammen: So sind die über 50-Jährigen weniger von den sozialen Medien geprägt, die die Sharing-Kultur stark beeinflussen. Auch zwischen den Geschlechtern bestehen Unterschiede im Sharing-Verhalten. Die Mehrheit der befragten Frauen gibt an, häufig bis sehr häufig Dinge mit anderen Personen zu teilen. Im Unterschied dazu ist die Mehrheit der Männer nur manchmal zum Teilen bereit. Hier spiegeln sich offensichtlich die traditionellen Rollenmuster wider. Interessant ist auch die Definition von Katharina Hellwig, Forscherin an der Universität Lausanne. Sie hat vier Typen von Teilenden definiert:

Die Passionierten
Sie teilen aus ökologischer und sozialer Überzeugung möglichst viel. Auch kaufen sie möglichst wenig und versuchen ihren Abfall zu minimieren.

Die Abgeneigten
Das Gegenteil der Passionierten: Sie sind schlichtweg nicht daran interessiert, irgendetwas zu teilen.

Die Pragmatiker
Diese Gruppe ist zwar innerlich nicht wirklich motiviert, zu teilen, tut es aber dennoch. Wahrscheinlich aus dem Grund, dass sie Sharing als praktischer oder kostensparender empfindet als Kaufen.

Die Normativen
Das sind Menschen, die innerlich motiviert sind, zu teilen, es aber auch deshalb tun, weil ihr soziales Umfeld es von ihnen erwartet. Konkret heisst das: Mit Freunden und Familie teilt man sowieso und ohne gross zu hinterfragen.

Die Bereitschaft zum Teilen ist gross. Laut der Studie teilen fast 50 Prozent viele Dinge mit anderen, und sieben Prozent teilen fast alles mit anderen. Erstaunlich ist auch die Tatsache, dass die meisten «Teiler» genau wissen, wie viel sie teilen, und sich auch bewusst sind, was dies für sie bedeutet.

Sharing-Hitliste
Was aber wird geteilt? Bedenkenlos wird geteilt, was durch das Teilen nicht weniger wird; also Informationen, Ideen, Fotos und Musik. Ebenso bereitwillig geteilt werden Dinge, die keinen besonderen persönlichen Wert haben, wie Werkzeug, Küchenapparate, Waschmaschine oder Bücher.

Top five:

  • Erfahrungen: Reisetipps, Empfehlungen
  • Ideen: Rezepte, Bastelvorlagen
  • Bücher
  • Essen
  • Musik auf CD


Flop five:

  • Unterwäsche
  • Zahnbürste
  • Passwörter für Computer oder E-Mail
  • Bankkonto
  • Jemandem mehr als 1000 Franken leihen

Sharing hat Potenzial. Das zeigt auch die wachsende Anzahl an Sharing-Plattformen. Das jüngste Kind in der Community heisst Sharoo. Über die Carsharing-Plattform von Migros, Mobiliar und Mobility können ab sofort Autobesitzer ihr Auto an Nachbarn vermieten. Sharoo will die Standzeiten verringern und die Fahrzeuge effizienter nutzen, denn im Schnitt stehen diese 23 von 24 Stunden ungebraucht herum und verlieren so an Wert. Die Abwicklung findet komplett via Website oder App statt: Die Autos können so gesucht, gebucht, geöffnet und wieder geschlossen werden. Den eigentlichen Sharing-Prozess steuert das«Sharoo Access Kit». Die Plattform ermöglicht es, die Nutzung auf ausgewählte Personen wie Nachbarn, Familie oder Freunde zu beschränken.

Auch mit der Plattform Mila geht der Gründer und CEO Manuel Grenacher neue Wege in der Shareconomy. Mila ist ein virtueller Marktplatz für Services aus der Nachbarschaft und bringt Menschen in der Umgebung zusammen, um gemeinsam Dinge zu erledigen oder Dienste zu tauschen. Egal ob Anhänger, Umzugshelfer, Sprachunterricht, Schaufensterreinigung, PC Support oder Malerarbeiten: auf einem Stadtplan werden die Gesuche und Angebote in Echtzeit dargestellt. Ein Klick genügt, um die Details zu besprechen. Mila ist ein Spin-off der Schweizer Firma coresystems. Letztes Jahr wurde der Hauptsitz nach Berlinverlegt; Niederlassungen bestehen in Zürich und Shanghai. Neu ist die Zusammenarbeit mit Swisscom. Der Telekommunikationsanbieter lanciert mit Mila die «Swisscom Nachbarschaftshilfe» für Services und Supportdienstleistungen, die Privatkunden finden und direkt buchen können.

Tauschen und Mitbenutzen ist nicht nur eine günstige Alternative zum Besitz,sondern schont auch Ressourcen und macht Spass. Die Werte dazu heissen:Vertrauen, Mobilität, Spontanität und Nachhaltigkeit.

Joachim Heldt

 

Sharing-Plattformen in der Schweiz
Verein Shareconomy Schweiz
www.sharecon.ch

Allerlei: Güter aller Art mit Freunden und Nachbarn teilen
www.frents.com
www.pumpipumpe.ch
www.whyownit.com

Autos
www.mobility.ch
www.m-way.ch
www.sharoo.com
www.AnachB.ch
www.mitfahrgelegenheit.ch
www.e-carsharing.ch

Parkplätze
www.parku.ch
www.parkit.ch

Segelboote
www.sailcom.ch

Büroräume/Arbeitsplätze
www.daycrun.ch/de

Dienstleistungen
www.mila.com
www.rentarentner.ch

Ferienhäuser/-wohnungen
www.airbnb.ch
www.haustauschferien.com
http://de.homeforhome.com
www.housetrip.com

Musik
www.spotify.com

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