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Abbruch, Aufbruch, Durchbruch

«Sprint» heisst der Prototyp einer funktionsfähigen Einheit mit mehreren Büros, die grösstenteils aus gebrauchten Bauteilen gefertigt wurde. Die neuste Unit der Innovationsplattform NEST, welche die Empa mit Partnern aus der Baubranche betreibt, ist in nur acht Monaten errichtet worden. Ein Augenschein zum Thema Reuse vor Ort. 

Sprint, das jüngste und seit Ende Juli 2021 nutzbare Modul der Forschungs- und Innovationsplattform NEST auf dem Campus der beiden Forschungsinstitute des ETH-Bereichs, Empa und Eawag, versprüht den Charme unperfekter Wohnlichkeit und Vintage-Ästhetik.

Am Boden wechseln sich verschiedene Fussbodenbeläge ab – von Massivparkett bis zu Dreischicht- Laminaten. Im Streifzug durch die Büros entdeckt man flexible Trennwände aus überschüssigen Dachziegeln, woanders solche aus alten Teppichresten, aus horizontal aufgereihten oder vertikal geschichteten alten Zeitschriften und Büchern. Eine Aluminium- Fensterfront aus einem rückgebauten Bürohochhaus in Zürich-Altstetten besteht aus Kassettenfenstern aus verschiedenen Glasschichtungen.

Was hier spontan wie aus der Zweites-Leben-Ecke bei Ikea zusammengeholt wirkt, hat durchaus Methode. Auslöser des Projekts war die Vorgabe der Empa-Direktion, innert kürzester Zeit neue Arbeitsplatzkonzepte für viele Mitarbeitende zu entwerfen, die den Empfehlungen räumlicher Distanzierung infolge der Corona-Pandemie genügen sollen. Schnell folgten Vorschläge der Umsetzung – einer davon war, Container auf dem Empa-Areal aufzustellen.

Doch dank des bestehenden Experimentalgebäudes NEST vor Ort war ein ambitiöserer Lösungsansatz schnell gefunden. Dazu sagt Enrico Marchesi, NESTInnovation- Manager und Unit-Projektverantwortlicher: «Wir setzten uns das Ziel in schneller Frist zu marktgerechten Kosten eine Büro-Einheit hauptsächlich unter Weiterverwendung bestehender Bauteile zu erstellen – unter Berücksichtigung der Ansprüche zur Corona-Sicherheit und der flexiblen Nutzungs- Umstellung in naher Zukunft.»

Hohe Motivation der Beteiligten
Interessant sind die Erfahrungen aus der Planungs- und Ausführungsphase, da man sich diversen Anforderungen zu stellen hatte. So musste bereits verwendetes und passendes Material zeitgerecht gefunden werden und zur Verfügung stehen. «Entgegen unseren anfänglichen Bedenken wegen des knappen Zeitplans konnten wir manche Reuse-Materialien sogar schneller finden als neues Material», so Marchesi. Auch das Holzbauteam der am Projekt beteiligten Zimmerei machte seine Erfahrungen: Die Montage bereits gebrauchter Bauteile benötigt deutlich mehr Zeit als das Zusammenbauen passgenauer Neubauteile.

Nicht zu unterschätzen war die hohe Motivation der Teilnehmenden, bei einer so ungewöhnlichen Bauaufgabe dabei sein zu dürfen. «Als wir mit der Planung begannen, überwog bei den Beteiligten noch die Skepsis, ob so eine Aufgabe zeit- und budgetkonform ausgeführt werden könnte.» Die anfängliche Zurückhaltung habe sich, so Marchesi, sehr rasch in Begeisterung für das Ungewöhnliche gewandelt – bei der Architektur-Co-Leitung, der BIM-Koordinatorin und bei den Handwerkerteams.

Kontext Kreislaufwirtschaft
Die jüngst realisierte NEST-Unit Sprint steht exemplarisch für einen grundlegenden Wandel der Bauwirtschaft in Richtung kreislaufgerechteres Bauen. Denn die Bauwirtschaft ist ein Haupttreiber beim Materialverbrauch in einer modernen Wirtschaft. Nach Schätzungen stammen 40 Prozent des weltweit anfallenden Mülls aus dem Bausektor. Dann ist da noch die Klimafrage. Um das ehrgeizige Ziel einer Netto-Null- Bilanz bei den Treibhausgasen bis 2050 auch nur annähernd zu erreichen, ist es unter anderem notwendig, die graue Energie bei Bauprojekten mitzuzählen. Denn beim Transport von Grundstoffen und der industriellen Transformation von Rohstoffen in Halbfabrikate und Endprodukte werden ebenfalls massive Mengen an CO2 ausgestossen.

Das Bauen mit wiederverwendeten Materialien und Bauteilen stösst bei vielen Akteuren in der Baubranche noch immer auf Skepsis. Bislang war «neu» gleichbedeutend mit günstig, standardisiert, jederzeit verfügbar. Doch aktuelle Ereignisse fördern möglicherweise das Umdenken: denn die aktuelle Übernachfrage nach Baumaterialien führt zu markanter Teuerung bei Stahl und bei auf Erdöl basierenden Kunststoffprodukten, ebenso bei Holz-Halbfabrikaten wie Spanplatten.

Recycling kommt zuletzt
Um den primären Rohstoffeinsatz im Rahmen einer zirkulären Wirtschaft zu verringern, bieten sich drei grundsätzliche Produktdesign- oder Geschäftsmodell- Strategien an. «Beim Stichwort Kreislaufwirtschaft denken die meisten reflexartig an Recycling», sagt Enrico Marchesi, was aber die Thematik auf geradezu falsche Weise verenge. Mit der stofflichen Wiederverwertung verfolgt man das Ziel, gewünschte Eigenschaften eines Materials zu erhalten (Metalle, Glas, Papier, Pappe usw.), wobei nicht selten unter hohem Energieeinsatz komplexere in niedrige Strukturen zerlegt (z. B. Hydrolyse, Solvolyse) oder Metalle durch Schmelzen und Legieren (Altmetalle und Roheisen) wieder in den Stoffkreislauf rückgeführt werden. Mit zukunftsweisenden Konzepten für die Revalorisierung beachtlicher Bauabfallmengen in der Schweiz (rund 14 Millionen Tonnen pro Jahr) beschäftigt sich beispielsweise der 1990 gegründete Verband arv Baustoffrecycling Schweiz.

Vermeiden zuerst
Gemäss der Theorie der zirkulären Wirtschaft ist Recycling zwar ein wichtiger Pfeiler, aber in zeitlicher Abfolge als nachrangiger Lösungsansatz zu betrachten. Zuerst gelte es, den Energie- und Materialeinsatz bei der Herstellung von Produkten zu minimieren beziehungsweise Produktionsabfälle von vornherein zu vermeiden. Bezüglich der Baubranche sagt Marchesi: «Mit dem Vermeiden haben wir den grössten Hebel, die Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen. Gebäude sollen nicht gänzlich abgerissen, sondern umgenutzt werden».

Wiederverwenden, spontan bis systematisch
Zweitens geht es darum, die Nutzungsphase von Produkten zu verlängern, was gelingen kann durch den Einsatz haltbarer Materialien und die Präferenz für stabile Produktkonstruktionen mit langer Haltbarkeit. Der Beitrag der Bauwirtschaft für das vermehrte Schliessen von Materialkreisläufen besteht insbesondere in der Wiederverwendung (Reuse) von Materialien und ganzen Bauteilen. Bereits entstehen neue Geschäftsmodelle, die auf Online-Plattformen zwischen Angebot und Nachfrage wiederverwendbarer Bauelemente vermitteln.

Obwohl Reuse langsam zum Thema wird, stellen sich beim Rückbau und der Wiederverwendung der Materialien eine Reihe von Fragen, beispielsweise: Wie validiert man die Nutzbarkeit von wiederverwendeten Materialien hinsichtlich ihrer Bautauglichkeit? Auf diese fehlen derzeit noch allgemeingültige Antworten. Neue Akteure wie Madaster stellen sich der Herausforderung, indem sie die Materialisierung von Gebäuden inventarisieren, somit den Bauteilen einen Wert verleihen und sie als Reuse-Ressource greifbar machen.

Manuel Fischer 

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