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Vor allem grosse Kunden nutzen GS1

Vor allem grosse Kunden nutzen GS1Unilever Schweiz liefert Convenience Food an kleine und grosse Händler – an die Metzgerei um die Ecke ebenso wie an die Migros. Die Bestell- und Lieferverfahren sind aber ganz unterschiedlich.

(as)Convenience ist für Unilever Schweiz ein grosses Thema. Das Tochterunternehmen des weltweit aktiven niederländisch- britischen Konzerns beschäftigt rund 1200 Mitarbeitende in der Schweiz, davon über 600 am Hauptstandort Thayngen. Eine Reihe bekannter Marken wie Knorr, Chirat oder Lusso gehören zum Portfolio von Unilever.

Darüber hinaus beliefert der Geschäftsbereich Unilever Foodsolutions Gastro- und Kantinenkunden unter an-derem mit verzehrfertigen Lebensmitteln, beispielsweise mit gefüllten Champignons, Kartoffel- oder Crevettensalat. Bei Unilever Foodsolutions kaufen kleine und grosse Kunden ein, also einzelne Metzgereien ebenso wie Hotels oder auch Gastro-Grossverteiler und Cash-and-Carry-Märkte. Von den rund 600 Millionen Franken Jahresumsatz, die Unilever Schweiz erzielt, entfallen auf Foodsolutions ungefähr 20 Prozent.

Nur wenige grosse Kunden sind hoch technisiert
So unterschiedlich wie die Kunden ist aber auch der Einsatz von IT und GS1 Standards in der Supply Chain von Unilever. «Nur wenige unserer Warenempfänger sind hoch technisiert», meint Dirk Grote, verantwortlich für Customer Services & Distribution. Das sind vor allem die Grossverteiler sowie Cash-and-Carry-Märkte; EDI und SSCC sind hier Alltag und keine Fremdwörter. Ähnlich divergent sieht es bei der Umsatzverteilung aus. Gewöhnlich sind etwa sechs Kunden für rund 80 Prozent des Umsatzes verantwortlich. Das Gros der total 350 Kunden von Unilever Foodsolutions arbeitet aber mit technisch weit weniger integrierten Bestell- und Lieferprozessen. «Bei der Lieferung von zwei mal drei Kilogramm Kartoffelsalat an eine Metzgerei findet man keine technisch unterstützten Bestell-, Liefer- und Verrechnungsprozesse », berichtet Alfred Bachmann, Process & Application Support Manager Deutschland, Österreich und Schweiz. Auch sind nach wie vor die Klarschriftinformationen auf Produkten und Transporteinheiten notwendig.

Seit 2004 ist auch die Migros einer der grossen Unilever-Kunden. Damals wurden Knorr-Produkte wie Aromat eingeführt, inzwischen aber auch Deos von Axe oder Rexona ins Sortiment des Grossverteilers aufgenommen. In dieser Lieferantenbeziehung findet sich die stärkste Umsetzung von GS1 Standards, die laut Grote vor allem im Retailbereich etabliert sind. Im Convenience- Bereich hingegen sind diese Standards generell weniger verbreitet.

Track and Trace startet bei der Rohware
Für Unilever Schweiz beginnt codegestütztes Track and Trace schon bei der Rohwarenanlieferung. Idealerweise erhält man die Ware auf einer Palette, die mit dem Serial Shipping Container Code (SSCC) ausgezeichnet ist. Vorher geht bereits ein Lieferavis via EDI ein. Ausnahmen gibt es aber bei Nischenprodukten wie etwa Safran. Solche Kleinmengen und Sendungen aus dem fernen Ausland kommen durchaus mit Klarschriftinformationen an. Die Ware wird dann im Wareneingang verbucht und eingelagert, eine Paletten- ID verbleibt im System. Bedarfsgesteuert wird die Ware an die Produktion weitergeleitet. Bei den folgenden Mischprozessen wird der jeweilige Verbrauch verbucht. Damit lässt sich verfolgen, welche Produktcharge aus welchen Rohstoffen besteht.

Auf der folgenden Abfülllinie wird eine neue Charge generiert. Die Konsumenteneinheit des Produkts (mit einer eigenen GTIN) wird mit dieser Chargennummer ausgezeichnet. Wenn die Konsumenteneinheiten auf einem Tray zusammengepackt werden, wird auch diese Handelseinheit (wiederum mit einer eigenständigen GTIN) mit dieser Chargennummer ausgezeichnet. Im Palettierer wird dann eine fertige Vollpalette gebildet. Bei Ausgabe der Produktionsmeldung erhält die Palette eine eigene ID zugeteilt, die weitere Daten wie Artikelnummer, Chargennummer und MHDs enthält. Die Palette wird mit einem SSCC ausgezeichnet und bleibt im Unilever-Lager.

VMI – Nachschubprozesse für Grossverteiler
Für die Migros wird zudem Vendor Managed Inventory (VMI) eingesetzt, um das Replenishment des Migros-Verteilzentrums zu gewährleisten. Dazu erhält Unilever die Bestandes- und Verbrauchszahlen des Migros-Verteilzentrums und kann so den Nachschuberrechnen. Die VMI-Daten werden für die Nachschubplanung, in der Regel auf Full Truck optimiert, nicht aber für die Produktionsplanung eingesetzt. Alfred Bachmann erwähnt, dass ein gewisser Produktionszyklus aus technischen Gründen nicht durchbrochen werden kann. Ausserdem seien die an einzelne Retailer ausgelieferten Mengen immer nur Splitmengen eines hergestellten Batches. Deshalb wird grundsätzlich anonym auf Lager produziert. Verlässt nun eine Palette das Lager und wird ausgeliefert, appliziert man auf der Stretchfolie ein neues SSCC-Label; so können auch kundenindividuelle Auszeichnungselemente berücksichtigt werden. Eine für die Migros bestimmte Palette geht in die Bereitstellungszone zu weiteren 22 bis 28 Paletten für diesen Warenempfänger. Der Transport wird beim MGB angemeldet. Von dort wird ein Fahrzeug disponiert, welches nach einer Migros- Filialbelieferung in der Region den Transport von Unilever zum Migros- Verteilzentrum übernimmt; so lassen sich Leerfahrten vermeiden.

Smarte Auslieferprozesse
Der Fahrer des Lastwagens scannt bei Ankunft den Ladeauftrag. Auf dem Scanner werden alle zu ladenden Paletten und die Reihe der Bereitstellung angezeigt. Jede Palette wird beim Verladen gescannt. Ist es eine falsche, fremde Palette, erfolgt eine Fehlermeldung. Nach Abschluss des Verladevorgangs muss dieser quittiert werden. Dabei erfolgt bei fehlenden Paletten wiederum ein Warnhinweis. «Nur durch ‹Fahrlässigkeit› kann man in diesem Prozessschritt nichts falsch machen», meint Dirk Grote.

Früher wurde nach dem Abschluss des Ladevorgangs der Despatch Advice an Migros abgesetzt. Allerdings kamen die Daten manchmal später an als die Lieferung selbst. Deshalb ist man seit Längerem dazu übergegangen, die Daten schon bei Bereitstellung der Paletten vorab auszusenden. Die Daten der Lieferung sind dann mit allen relevanten Informationen wie GTIN, Liefermengen und -struktur, Bestell- Referenz, Artikelnummer des Kunden, LOT-Nummer, MHD usw. bereits imKundensystem avisiert. Fährt nun der Fahrer mit der Lieferung vor und entlädt diese, wird sie lediglich auf äussere Transportschäden geprüft. Dann fahren die Paletten durch eine automatische Scanneranlage, wobei die gescannte SSCC mit dem vorab gelieferten Datensatz verbunden wird. Die Migros verzichtet dabei auf der Palettenetikette neben dem SSCCCode auf die Strichcodierung weiterer Informationen, wie zum Beispiel Chargennummer und MHD, und verlässt sich ganz auf die vorgängige Information via DESADV. «Das hat sich in dieser Kundenbeziehung bewährt und läuft reibungslos», sagt Dirk Grote.

Kleine Kunden brauchen viel Handarbeit
Handelt es sich bei Bestellpositionen nicht um Vollpaletten, entstehen bei der Kommissionierung und Bereitstellung heterogene Paletten. Solche Mischpaletten werden dann gestretcht und nach GS1 Standards für Mischpaletten mit einer SSCC ausgezeichnet. Es sind unter anderem Cash-and-Carry-Märkte sowie kleinere und mittlere Retailer, die in der Regel auf diese Weise beliefert werden. In der Liefermeldung (DESADV) liegen hinter der SSCC die Daten zu n GTINs, deren Mengen, Chargennummern und MHDs.

Bei Kleinkunden laufen Bestellprozesse ganz manuell. Kunden bestellen telefonisch oder dank Telefonverkauf. Das ist zwar wesentlich aufwendiger als die modernen Verfahren, doch sieht man es bei Unilever als Element eines guten Kundendienstes an, diese Verfahren aufrechtzuerhalten. Schliesslich sind die hohen Investitionskosten auf Seiten des Kunden oft ein Hinderungsgrund beispielsweise für die Einführung von EDI. Bei einem Jahresumsatz des Kunden unter 10 Millionen Franken sind voraussichtlich die Synergien zu gering, um Investitionen dieser Art rechtfertigen zu können, meint Grote. Einen weiteren Grund für die manch-mal noch zögerliche Anwendung von Standards sehen die Unilever-Manager darin, dass die vor- und nachgelagerten Prozesse bei den beteiligten Partnern nicht die gleichen sind. So sei eine EDI-Order von Kunde A immer noch anders als eine von Kunde B. Die gewünschten Effekte seien so in der Multiplikation nicht lehrbuchmässig erzielbar.

Ein Rückruf ist einfach möglich
In der Lieferkette, die von Unilever Schweiz verantwortet wird, ist die Produktrückverfolgung auf Knopfdruck möglich. Dies ist auch bei den zwar äusserst seltenen, aber doch möglichen Fällen vorteilhaft, wo ein Public Recall in Erwägung gezogen werden muss. Allerdings wird jeweils abgeklärt, ob es gleich einen Public Recall braucht. Das ist natürlich bei Produkten, die schon im Filialregal stehen, unumgänglich. Eine «einfacher Produkterückruf » ist nur möglich, wenn ein Produkt zwar im Zentrallager eines Grossverteilers ist, aber noch nicht in die Filialen ausgeliefert wurde. Ab der Übernahme der Waren in seine Bestände liegt die Warenverfolgung zudem in der Verantwortung des Kunden.

Mit Blick auf RFID merkt Bachmann noch an, dass diese Technologie für Ladungsträger eventuell interessant werden könnte. Der Einsatz sei aber nur sinnvoll, wenn der Abnehmer dafür Verwendung habe. Auf der Ebene der Konsumenteneinheit, gerade im Foodbereich, sieht er wenig Chancen, denn dort handelt es sich bei vielen Unilever-Produkten um Güter des Niederpreissegments. Bei einer Tütensuppe für wenige Franken stimme die Relation zwischen RFID-Applikationskosten und dem Warenwert derzeit nicht.

Alexander Saheb

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