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LOHAS, Frugalisten und Foodies

Eike Wenzel ist Trendforscher und Mitglied der Geschäftsleitung des Zukunftsinstituts in Kelkheim(nf)Eike Wenzel ist Trendforscher und Mitglied der Geschäftsleitung des Zukunftsinstituts in Kelkheim. Laut «Spiegel» ist er der erste deutsche Forscher, der sich mit den LOHAS beschäftigt hat, jenen Menschen, die sich einem bewussteren Leben mit nachhaltigem Schwerpunkt verschrieben haben. Er stand GS1 network zum Thema «Convenience» Rede und Antwort.

 

GS1 network: Was ist Ihrer Meinung nach der Auslöser für die Masse und Reichhaltigkeit von Convenience Food in Supermärkten, Lebensmittelgeschäften, Restaurants, aber auch in Gourmettempeln?
Eike Wenzel: Zunächst ist zu sagen, dass wir längst über den Peak hinaus sind. Convenience wird zwar nicht verschwinden, aber die Leute sehnen sich heute tatsächlich mehr nach Bio, Frische, Regionalität. Interessant ist so etwas wie Convenience 2.0, Readyto- eat-Produkte, die frisch hergestellt werden und auch zuhause verzehrt werden können. Convenience Food in seiner klassischen Form ist ein typisches Kind des 20. Jahrhunderts: industrialisiertes Essen, das hilft, Zeit zu sparen. Convenience ist Zeit-Management für eine Gesellschaft, die nach Zeitwohlstand giert. Insofern wird das Prinzip Convenience vorerst sicherlich nicht aussterben.

Ist der Convenience-Food-Trend aufzuhalten, bzw. erkennen Sie eine Veränderung im Verhalten der Konsumenten?
Die Sehnsucht, also das, was man sich wünscht und gerne hätte, geht sicherlich in genau die entgegengesetzte Richtung: nicht mehr nur Abnehmer eines Fertigprodukts zu sein, hohe Qualität, transparente Produktion, nicht mehr nur Konsument zu sein, sondern aktiver Teil eines Wertschöpfungsprozesses. Das fasziniert die Menschen heute. Im Grunde genommen geht es dabei um die Reintegration von Lebenswelt und Konsumwelt, die Reintegration von Konsum, Kommunikation und Kommerz. Im Gegensatz dazu baute klassische Convenience auf industrialisierter Produktion auf: hier der Hersteller, dort der Händler und am Ende der Kette der «Endverbraucher ». Die Sehnsüchte gehen heute dahin, genau diese Gleichung aufzubrechen.

Welche Auswirkungen hat Convenience Food auf unsere Gesellschaft bzw. unser Gesundheitssystem?
Die Konsequenzen von Fast Food sind erheblich. 70 Prozent aller Erkrankungen beruhen auf falscher Ernährung. Fast Food hat dazu geführt, dass sichdie Diabetikerrate in den USA innerhalb der letzten 20 Jahre exakt verdoppelt hat. Viele Menschen – nicht nur in den USA – können nicht mehr kochen. Das führt dazu, dass nur hoch verarbeiteter und nährstoffarmer Fast Food gegessen wird. Die Anstrengungen, dem entgegenzusteuern, beginnen an oberster Stelle, bei Obama und seiner Frau. Der neu gepflanzte Gemüsegarten im Weissen Haus war nicht als Scherz zu verstehen, sondern programmatisch.

Wie könnte man den Trend nutzen, um das Gesundheitssystem zu entlasten?
 Natürlich haben wir Functional Food, die Menschen nehmen das aber als Medizin auf, sie mögen es nicht. Künstliche Zusätze im Essen, da sind die Menschen mittlerweile sehr skeptisch. Gegenbeispiel: Amerikanische Ärzte verschreiben schwangeren Frauen aus der Unterschicht einen kostenlosen Apfel, den sie auf dem Wochenmarkt bekommen können. Viele denken, dass damit mehr geholfen ist als mit Nahrungsergänzungsmitteln.

In welcher Form könnten die hungernden Menschen von Convenience Food profitieren?
Da sehe ich im Moment wenig wirklich relevante Ansätze. Ein Grossteil der verarmten und hungernden Menschen in Afrika sind ja tatsächlich Bauern. Es kommt darauf an, ihnen andere Produktionsmittel zur Verfügung zu stellen, sodass sie für sich, für ihre Umgebung produzieren können. Das wäre eine Lösung, aber nicht Weltraumernährung für Menschen in Lesotho.

Ernährung erhält im Bewusstsein einer bestimmten Konsumentenschicht einen immer höheren Stellenwert. Hat Convenience Food in dieser gesundheitsbewussten Bevölkerungsgruppe eine Zukunft?
Als Ready-to-eat-Variante und im zeitknappen Alltag sicherlich nach wie vor. Geht es ums Geniessen und die wirklichen Sehnsüchte von LOHAS, Frugalisten und Foodies, dann geht es in Zukunft vor allem um eine Food-Revolution, bei der sich vor allem die Gutverdienenden von dem industrialisierten Food abwenden.

Stichwort Verpackung bzw. Müll: Die Zunahme von Convenience Food führt zu mehr Verpackung und demzufolge Müll. Welche ökologische Bilanz wird aus Convenience Food gezogen?
Die ökologische Bilanz ist verheerend und wird auch immer mehr zum Problem. Bislang heisst Convenience: Erzeugung von Müll. Der Trend geht jedoch dahin, dass es den Menschen unangenehm ist, überflüssigen Müll zu erzeugen. Auch das ist ein grosses Problem für klassische Convenience. Die Entwicklung von Bioplastik steckt noch in den Kinderschuhen, sodass auch von dort erst einmal keine positiven Lösungen kommen werden.

Wie fördert man Bewusstsein bzw. Eigenverantwortung für nachhaltiges Wohlbefinden im täglichen Erwerb seiner Lebensmittel?
Das Bewusstsein dafür ist schon sehr hoch, zumindest in Nordamerika und Westeuropa. Fragen Sie die Helden der industriellen Nahrungswelt wie Coca- Cola oder McDonald’s, auch Nestlé, die arbeiten verzweifelt an Imagekorrekturen. Allerdings haben wir ein soziales Problem mit der Ernährung. Ungesundes Essen, Adipositas usw. wird vererbt. Das heisst: je niedriger die Bildung, umso ungesünder ernähren sich die Menschen. Diese fatale Gleichung aufzulösen, ist eine Aufgabe der nächsten Jahre. Man muss den Menschen erklären: Bereite dein Essen selbst zu, das ist immer gesünder als Fast Food, iss möglichst alles immer an einem Tisch, am besten zusammen mit anderen usw. Es hört sich banal an, würde aber dazu beitragen, die mehr als alarmierenden Zahlen zu korrigieren.

Wie ernähren Sie sich?
Spätestens seit ich Kinder habe und eng mit dem LOHAS-Thema identifiziert werde, durchaus sehr bewusst. Ich schätze die asiatische Küche und Südeuropäisches. Zudem liebe ich Fleisch, versuche mich dort aber stärker einzuschränken. Ich bewege mich sehr viel, dafür darf es dann einmal im Quartal Fast Food sein. Natürlich komme ich an einer Sportplatzbratwurst nie vorbei.

Die Fragen stellte Nathalie Francio.

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