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«Der Anspruch der Studie ist neutral.»

Post- und Briefdienste verlieren an Bedeutung, weil vermehrt Mails geschrieben werden. Der Komplettladungsverkehr nimmt aufgrund des höheren Containerisierungsgrades zu. Professor Erik Hofmann vom Lehrstuhl für Logistikmanagement an der Universität St. Gallen berichtet, welche Themen eine wachsende Branche bewegen.

GS1 network: Die Logistikmarktstudie Schweiz erscheint zum sechsten Mal. Gab es in dieser Zeit markante Veränderungen in den beobachteten Marktsegmenten?
Prof. Dr. Erik Hofmann: Es gab keine grundsätzlichen Veränderungen um 180 Grad. Wenn man ins Detail geht, sind in den Teilsegmenten durchaus unterschiedliche Entwicklungen zu beobachten. Beispielsweise ist der Teilmarkt für Post- und Briefdienste bezogen auf das Gesamtmarktvolumen heute wertmässig deutlich kleiner als noch im Jahr 2008. Sein Anteil ist von 12 auf 9,6 Prozent gesunken, weil Briefpost zunehmend durch elektronische Post ersetzt wird. Ein auffälliger Gewinner ist hingegen die Komplettladungslogistik. Sie konnte ihren wertmässigen Anteil am Gesamtmarkt von 14 auf 17,5 Prozent ausbauen. Eine Ursache dafür ist die zunehmende Containerisierung und der dadurch wachsende Containerverkehr.

Welche Themen haben für die Branche im Lauf der Jahre an Gewicht gewonnen?
Hier kann man fünf Themen anführen. Zum Ersten natürlich die Kosten, welche sowohl für die verladende Industrie wie für die Logistikdienstleister selbst ein Thema sind. Dieses hat angesichts des starken Frankens und zunehmender Konkurrenz aus dem Ausland an Gewicht gewonnen und ist trotz Kabotageverbot spürbar, weil ja viele Verkehre grenzüberschreitend geführt werden, sei es Import, Export oder Transit. Ein zweiter Punkt sind die Qualitätsansprüche, die einerseits an Logistikdienstleister und andererseits an die Intralogistik gestellt werden. Bei der Intralogistik findet das beispielsweise seinen Ausdruck in der wachsenden Nachfrage nach teil- oder vollautomatisierten Systemen. Drittens wäre die politische und infrastrukturelle Entwicklung innerhalb der Schweiz als auch mit Blick auf die Anrainerstaaten zu nennen. Kapazitätsengpässe sind auf Strasse und Schiene vorhanden, das beschäftigt die Branche. Man sucht innovative Lösungen für diese Probleme. Viertens ein Aspekt, der aus der Marktliberalisierung erwächst: Hier geht es nochmals um den eingangs erwähnten Konkurrenzdruck durch ausländische Anbieter insbesondere im internationalen Verkehr. In der Schweiz gibt es deshalb auch Ideen, dass Schweizer Firmen Auslandsstandorte eröffnen, um eine Kostenbasis in Euro zu schaffen. Das fünfte Thema sind die demografische Entwicklung und der sich abzeichnende Fachkräftemangel. Dieser kann bei Chauffeuren, aber auch im Lagerbereich beobachtet werden. In einer alternden Bevölkerung finden sich immer weniger Arbeitskräfte, die für körperlich schwere Tätigkeiten infrage kommen.

«Der Schweizer Logistikmarkt ist von volkswirtschaftlicher Bedeutung. Die Branche erwirtschaftet ein Volumen von 37,1 Milliarden Franken und beschäftigt 17 3000 Personen.»

In der aktuellen Ausgabe befasst sich ein ganzes Kapitel mit Zukunftsszenarien. Wie praxisnah sind diese Einschätzungen?
Zukunftsszenarien haben immer etwas mit Glaskugellesen zu tun. Unser Ansatz war, nicht die gängigen Trends abzufragen sondern bewusst Trendbrüche zu identifizieren. Wir wollten herausfinden, wo massive Veränderungen geschehen können, die positiven oder negativen Einfluss auf die Branche haben könnten. Ich lege es jedem dringlichst ans Herz, eine spezifische Auslegeordnung dieser Trendbrüche für das eigene Unternehmen vorzunehmen.

Lassen sich konkrete Handlungsempfehlungen aus der Studie ableiten?
Das ist so pauschal nicht der Fall, weil ihr Anspruch neutral ist. Jeder Leser sollte die für ihn relevanten Infos in den Kontext seines eigenen Berufsumfelds übertragen und eigene Schlüsse ziehen. Wir erwarten beispielsweise eine Verdreifachung des Containervolumens in den Basler Rheinhäfen bis 2030. Was man daraus ableitet – ob nun ein neues Hafenbecken oder Terminals nötig sind –, müssen die betroffenen Organisationen und Unternehmen selbst entscheiden.

Letztes Jahr gab es neu die Verwundbarkeitsanalyse, dieses Jahr zahlreiche Zukunftsszenarien. Was ist in den nächsten Jahren zu erwarten?
Wir entwickeln die Inhalte der Studie mit GS1 Schweiz und den eingebundenen Trägerunternehmen stetig weiter. Insgesamt ist unser Ziel, die Qualität und den Nutzengehalt der Studie weiter zu steigern. Wir sind natürlich für Anregungen und Impulse seitens der Marktteilnehmer offen.

Die Fragen stellte Alexander Saheb.

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