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Selbst gemachte Qualität

Mit Bonbons hat sich das Laufener Familienunternehmen Ricola weltweit einen Namen gemacht. Dahinter steht ein akribisches Qualitätsmanagement, für das die gesetzlichen Vorgaben noch lange nicht die höchste Hürde sind.

Wo sich die zwei in rasendem Tempo laufenden Förderbänder treffen, werden aus kleinen hellblauen Faltkartons und ovalen Bonbons gut gefüllte Schachteln mit Ricola-Kräuterbonbons der Geschmacksrichtung «Gletscherminze ». Droht der Nachschub auf dem Bonbonband zu versiegen, hievt ein Kran einen 250 Kilogramm schweren braunen Sack mit frischer Ware über einen Edelstahltrichter – und reicher Nachschub ergiesst sich in die komplexe Maschinerie. Ein unscheinbarer Detektor passt auf, dass die gefüllten Packungen metallfrei sind. Weitere Kontrollen stellen sicher, dass Farbe, Geruch und Geschmack der verarbeiteten Bonbons einwandfrei sind.

Hohe Ansprüche
Ricola hat ein umfassendes Qualitätsmanagement realisiert. Gabriel Hugenschmidt steht diesem als Leiter Bereich Quality Management vor und ist sicher, dass Qualität mehr bedeutet als dass die Ware vom Kunden nicht zurückgeschickt wird. «Qualität ist, was wir als solche definieren», hält Hugenschmidt fest. Deshalb hat Ricola auf allen Ebenen der Produktion eigene Spezifikationen geschaffen, die teilweise über die geltende Gesetzgebung hinausreichen. Für jeden Rohstoff, aber auch für Zwischenprodukte und das fertige Erzeugnis selbst gibt es klare Vorgaben zu relevanten Parametern.
Auf den Datenblättern bilden die jeweiligen gesetzlichen Vorgaben nur einen Teil der Auflagen, die Ricola erfüllt haben möchte. Von der Wareneingangskontrolle bis zum Warenausgang sind definierte Prüfpunkte und die dazugehörenden Prüfparameter festgelegt, damit man die ganze Produktionskette im Griff hat.
So erhält die Ware nach dem Eingang einen internen Barcode mit einer Material- und Chargennummer. Dieser erlaubt die Verfolgbarkeit im Betrieb und stellt auch ein Sicherheitselement dar. Wird Ware räumlich verschoben oder soll sie verarbeitet werden, muss sie vorher gescannt werden. Jedes Produktrezept ist nun mit den zulässigen Inhaltsstoffen hinterlegt. Der Computer blockiert die Verwendung anderer Substanzen. Man kann also nicht einfach eine deutsche Verpackung mit einer englischen vertauschen.

Noch nie einen Rückruf, jedes Jahr eine Übung
Neben den eigenen Qualitätsdefinitionen setzt Ricola auch auf etablierte Standards. Das Unternehmen wird nach ISO, IFS und Swissmedic zertifiziert. Hugenschmidt hält zudem alle drei grossen Standards (British Retail Consortium, International Food Standard und FSSC 22000) für sehr gute Instrumente. Die Kontrollen seien weltweit harmonisiert. Wenn man seine Lieferkette mit zertifizierten Lieferanten gestalte, erreiche die eingekaufte Ware sicher ein hohes Qualitätsniveau. Risikobasierte Stichprobenkontrollen stellen bei Ricola das selbst auferlegte hohe Qualitätsniveau sicher.
Produktrückrufe musste Ricola noch nie durchführen. Dennoch findet einmal jährlich eine Übung mit unterschiedlichen Szenarien statt. 2014 rief man im Rahmen des Tests in die USA gelieferte Ware zurück. Das gelang reibungslos. Im gewählten Szenario hatte die US-Tochter noch einiges am eigenen Lager, ein Teil war in den Distributionslagern der Grosshandelsketten, aber noch nichts im Laden. Die Mengenbilanz zeigte, dass man den gesamten Bestand der zurückgerufenen Ware aufgespürt hatte. Dazu nutzte man das ERP-System SAP R/3. Dieses speichert, welches Rohmaterial nach der Verarbeitung mit welcher Produktcharge wohin geliefert wurde. Hugenschmidt weist darauf hin, dass die Übung 2014 ein vergleichsweise einfacher Rückruf war, da er eine eigene Tochterfirma betraf und nicht die komplette Supply Chain bis zum privaten Kunden abdeckte. Ziel jeder Übung ist es, den fraglichen Bestand des zu testenden Produkts über die gesamte Supply Chain bis zum Point of Sale binnen 72 Stunden im Griff zu haben.
Dazu leisten die Produkte von GS1 einen wichtigen Beitrag. Sie treten von der Einzelhandelsverpackung an aufwärts in Erscheinung, wie Jochen Layer, Bereichsleiter Auftragsmanagement, erklärt. Der Barcode findet sich auf jeder Konsumenteneinheit und dient der Identifikation am POS, der Scannerkasse. Bei der Trade Unit und Logistic Unit kommt ein EAN 13 (ausser in den USA und Kanada) zum Einsatz, damit die Grossverteiler die Ware bei der Lagerverwaltung identifizieren können. Auf Ebene einer Trade Unit und Logistic Unit, und damit noch vor der Palette, wünschen einzelne Länder, beispielsweise Deutschland oder Frankreich, einen GS1-128 mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum und der Chargennummer. In anderen Märkten reicht bis hier ein EAN 13 aus.

Die Lieferanten können keinen Barcode
Die Palette wiederum trägt einen SSCC mit den üblichen Angaben. Manche Kunden haben hier allerdings Sonderwünsche. Diese werden im Warenausgang umgesetzt. Ricola führt eine anonyme Auftragsfertigung durch, und erst am Ende weiss man, welche Ware an welchen Kunden geht. Der Datenaustausch mit den Kunden richtet sich ganz nach deren jeweiligen Möglichkeiten. Eigene Vertriebsgesellschaften und ein Teil der externen Vertriebspartner sind mit EDI angebunden.



Während Ricola bei den Kräuterfeldern darauf achtet, dass sie weit von Industrieanlagen und Verkehrsströmen entfernt sind, ist die Produktion von starker Automatisation geprägt. Sowohl bei der Verarbeitung der Bonbonmasse wie der Zuführung der Verpackung paaren sich maschinelle Schnelligkeit und computergesteuerte Präzision. Teilweise wird sogar nach Pharmastandards produziert.


Auf Seiten der Zulieferer erhält Ricola bislang jedoch noch keine SSCC-Label. «Auch grössere Lieferanten haben das bisher nicht realisieren können», stellt Layer fest. Er sieht das als ein grosses Problem, denn ein lesbarer Code würde intern eine Vereinfachung des Wareneingangs bedeuten. Und so wird bis heute manuell abgeladen, durchgezählt und dann in die Computer eingetippt. Rund 40 Wareneingänge werden täglich verbucht, vom einzelnen Karton bis zur Lkw-Ladung.
Layer ist mit den bisherigen Möglichkeiten des einfachen Barcodes zufrieden. «Für das, was wir tun und unsere Kunden fordern, ist er ausreichend», sagt er. Ein 2D-Code mache für Ricola im Moment keinen Sinn, solange auf Kundenseite, speziell am POS, der 2D-Barcode nicht verarbeitet werden könne. Handlungsbedarf sieht Layer hingegen bei den Scannern. Immer wieder stelle man fest, dass an sich korrekte Codes nicht gelesen werden können. Das liege teilweise am Einsatz veralteter Barcode-Scanner. Bei der Weiterentwicklung der Normierung für Barcodes sollte deshalb im gleichen Umfang auch eine Normierung für die Leseeinheiten erfolgen.

Alexander Saheb

 

 

Das Familienunternehmen Ricola
Das Unternehmen wurde 1930 von Emil Richterich gegründet und ist bis heute im Besitz der Familie. Ricola beschäftigt über 400 Personen und liefert in mehr als 50 Länder der Welt. Der Hauptsitz ist nach wie vor in Laufen bei Basel. Weltweit gibt es Tochtergesellschaften und Vertriebsbüros in Frankreich, Italien, Grossbritannien, Asien und den USA. Heute leitet Felix Richterich als Verwaltungsratspräsident in der dritten Generation die Geschicke des Unternehmens. Als Name entstand Ricola in den 60er-Jahren aus dem ursprünglichen Firmennamen Richterich & Co. Laufen.

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