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Achtung Frischware – (k)ein Problem

Der Typus GS1 DataBar Expanded Stack eignet sich bei Convenienceware beispielsweise für das Anbringen der Produktidentifikation und des Nettogewichts.Das Ziel: Chargennummer, Mindesthaltbarkeitsdatum sowie die Herkunft auf jeder Verkaufseinheit eines Frischprodukts. Hierzu eignet sich der GS1 DataBar. Der Detailhandel verhält sich abwartend, obwohl der Mehrnutzen dieses Instruments in der Warenbewirtschaftung erkannt wird.

Seit Januar 2014 hat eine neue GS1 Symbologie Einzug im Detailhandel gehalten. Der GS1 DataBar ist vorerst für mengenvariable Produkte wie Fleisch, Fisch, Käse, Früchte und Gemüse, aber auch für Kleinstprodukte als offizieller Standard für den Einzelhandel freigegeben.
«GS1 DataBar» als weltweit zugelassene neue Code-Familie eröffnet neue und vielfältige Einsatzgebiete bei der Warenbewirtschaftung. Neben der Produktidentifikation (Global Trade Identification Number, GTIN) lassen sich weitere Eigenschaften wie Mindesthaltbarkeitsdatum, Chargennummer, spezifisches Gewicht, Preise, die Herkunft von Frischwaren wie Fleisch, Eiern oder Milchprodukten (Betriebszulassungsnummern, Fischfanggebiet usw.) in codierter Form abbilden. Der GS1 DataBar ist damit – auf sehr kompakte Weise – ebenso leistungsfähig wie die Barcodes der älteren Generation, die aber nur auf Stufe Handels- und Transporteinheit (GS1- 128) mithilfe von zweistelligen Klassifikatoren (Application Identifier, AI) zusätzliche Produkteigenschaften (wie Herkunft, Charge usw.) verschlüsseln können. Weitere Vorteile:

  • Neue Möglichkeiten zur Chargenkontrolle: Mithilfe des GS1 DataBar könnte man an der Kasse eine bestimmte Chargennummer sperren. Damit steht ein verbessertes Instrument zur Rückverfolgung von Lebensmitteln in Aussicht – auch für die Lebensmittelbehörden.
  • GS1 DataBar als Marketinginstrument:Mit dem Auslesen des Mindesthaltbarkeitsdatums an der Kasse ist auch eine dynamische Gestaltung von Rabattaktionen möglich, um kurz vor dem Erreichen des Ablaufdatums den Abverkauf zu beschleunigen.

 

Dateninhalte im GS1 DataBar
Um Informationen wie Artikelidentifikation, Haltbarkeitsdatum, Chargen- oder Seriennummern usw. verschlüsseln zu können, bedient sich der GS1 DataBar derselben Datenbezeichner (Application Identifier, AI) wie GS1-128 und GS1 DataMatrix. Gebräuchliche Datenbezeichner:
• 01 = Global Trade Item Number (GTIN)
• 15 = Mindesthaltbarkeitsdatum (JJMMTT)
• 17 = Verfalldatum (JJMMTT)
• 310 = Nettogewicht in Kilogramm
• 30 = Menge in Stück

 

Detailhandel wartet ab
Die Einführung dieses Alleskönner-Codes harzt hierzulande. Die Gründe sind vielfältig. So sind die Schweizer Grossverteiler noch längst nicht flächendeckend mit einer Infrastruktur (Kassen, Scanner) ausgerüstet, die das Lesen von GS1 DataBar erlaubt. Der Typus Expanded Stacked des GS1 DataBar im Einsatz für abgepackte Fleischware. Der Code bietet beispielsweise Platz für a) Produktidentifikation, b) Nettogewicht und c) Mindesthaltbarkeit.Die Migros teilt zudem mit, dass sie den Einsatz des GS1 DataBar «hinsichtlich eines Mehrwerts für ihre Kunden prüft». Dabei sieht sie den GS1 DataBar allerdings kaum als taugliches Mittel, um beispielsweise Foodwaste weiter zu reduzieren. Die Migros-Genossenschaften bringen es mit bewährten Prozessen fertig, dass 98,6 Prozent der angebotenen Lebensmittel (Detailhandel, Gastronomie) auch als Lebensmittel zu regulären oder reduzierten Preisen verkauft werden. Das «Zu verkaufen bis»-Datum sei weiterhin sinnvoll; nur mit einem Verbrauchsdatum würde die Neigung der Konsumenten, Lebensmittel zu früh wegzuwerfen, allenfalls noch verstärkt.
Coop lässt ausrichten, dass die Kassensysteme noch nicht auf die Verarbeitung des GS1 DataBar oder auf die übernächste Generation der Artikelcodierungen, nämlich 2D-Codes, vorbereitet sind. Bei Ersatzinvestitionen für Kassen, Selbstbedienungs- Waagen und Handscanner ist die erweiterte Decodier- und Druckfähigkeit hinsichtlich GS1 DataBar gleichwohl ein Thema – auch in der Diskussion mit den Lieferanten. Coop will mittelfristig die Konsumeinheiten mit nur noch einem Datum versehen.
Gemäss Angaben der Spar Handels AG sind alle in den Warenlagern und Detailgeschäften im Einsatz befindlichen Scanner in der Lage, den GS1 DataBar zu lesen, die Kassensoftware müsste man allerdings noch anpassen. Spar versucht übrigens seit mehreren Jahren, in der ganzen Supply Chain die Einfachdatierung peu à peu durchzusetzen. Ansonsten zeigt sich die Kraft der Gewohnheit im Detailhandel: Manuelle, halbautomatisierte Methoden, hinsichtlich Datenverfügbarkeit suboptimal, sind noch häufig anzutreffen.
So werden in den Filialen einzelne Artikel vor Terminablauf mit farbigen Rabattklebern versehen, um so den Abverkauf zu beschleunigen. Bei Gemüse und Früchten im Offenverkauf sind die vierstelligen sogenannten PLU-Nummern im Einsatz. Diese geben über Sorte, Gewichtstypus, Grösse und Farbe Auskunft, nicht aber über die Herkunft oder die Charge der Frischware. Zusatzinformationen, die bei mengenvariablen Fleisch- oder Wurstwaren für die Preisermittlung an der Ladenkasse benötigt werden, müssen zuweilen umständlich zusammengesucht werden.

Erfahrungen im Ausland
Daniel Müller, Leiter GS1 System bei der nationalen Organisation GS1 Schweiz, beobachtet die Reserviertheit des hiesigen Handels gegenüber dem GS1 DataBar seit geraumer Zeit: «Der GS1 DataBar hat sich bisher nicht mit durchschlagendem Erfolg durchsetzen können, obwohl es interessante Erfahrungen mit der neuen Symbologie gibt.»
In Südkorea wird das Mindesthaltbarkeitsdatum als verkaufsförderndes Instrument genutzt, indem die Produkte günstiger werden, je näher sie dem Ablaufdatum kommen. Die belgische Supermarktkette Colruyt nutzt diese Möglichkeit ebenso. Rewe in Österreich setzt den GS1 DataBar bereits bei Frischprodukten wie Wurstwaren, Frischkühlkost, Convenience, Molkereiprodukten und Eiern ein, und zwar bei ihren Eigenmarken. Rückverfolgbarkeit und Frischegarantie stehen dabei im Fokus.
Ein Beispiel aus Irland zeigt, dass ein Lebensmittelskandal die Einführung einer innovativen Auszeichnungssystematik stark beschleunigen kann. Detailhandel und Fleischindustrie waren dort zum Jahresende 2008 gezwungen, infolge eines Dioxinskandals bei Schweinefleisch sämtliche Schweinefleischprodukte aus den Regalen zu entfernen. Dies löste Folgekosten von einer Milliarde Euro aus und zeigte Schwächen in der lückenlosen Rückverfolgbarkeit auf. Eine Konferenz mit Vertretern der Fleischindustrie, des Detailhandels und der irischen GS1 Organisation wurde einberufen. Man kam zum Schluss: Ein zielgerichteter und somit weniger kostspieliger Rückruf wäre eine adäquatere Antwort auf die Bedrohung gewesen, fälschlicherweise kontaminiertes Fleisch durch die Lieferkette zu schleusen. Eine Up-todate- Scanning-Ausrüstung und eine durchgehende Identifikation des Produktloses hätten geholfen, verdächtige Chargen einzukreisen und auszusondern. Lessons learned: Feile Foods, einer der grossen Fleischverarbeiter auf der grünen Insel, verwendet nicht weniger als fünf Datenbezeichner (Datenklassen) innerhalb derselben GS1-DataBar- Symbologie, nämlich die Produkte-Identifikation (GTIN), eine Batch-Nummer, den Preis, das variable Gewicht und das Verfalldatum.

Anwendungsbeispiele für den GS1 DataBar
Frischwaren
Im Frischebereich ermöglicht der GS1 DataBar, Zusatzinformationen wie Nettogewicht, Preis, Stückzahl, Datumsinformation (Mindesthaltbarkeitsdatum) zusätzlich zur reinen Artikelidentifikation (GTIN, Global Trade Item Number) im Strichcodesymbol zu verschlüsseln. Somit sind diverse Verbesserungen möglich, wie Rückverfolgbarkeit bis zum POS, effizienteres Abverkaufsmanagement, automatisierte Datumskontrolle usw.
Babynahrung, Sportlernahrung
Um Konsumentensicherheit und Transparenz zu erhöhen, können zusätzlich zur Artikelidentifikation mittels GTIN das Mindesthaltbarkeitsdatum und eine Chargennummer im Strichcodesymbol verschlüsselt werden.
Wertgutscheine
Zusätzlich zur GTIN-Artikelidentifikation werden bei Wertgutscheinen der Betrag mit ISO-Währungscode, das Verfalldatum und eine Seriennummer verschlüsselt.
Garantieware
Um den Kassabon eindeutig dem gekauften Produkt zuordnen zu können, wird zusätzlich zur GTIN-Artikelidentifikation die Chargen- beziehungsweise Seriennummer im Strichcode verschlüsselt.


Keine Killer-Applikation
Bislang dominiert in Fachkreisen der Kostenaspekt die Diskussion um die Einführung des GS1 DataBar. Barcode-Scanner müssen ersetzt, Preisauszeichnungsgeräte angepasst, erweiterte Stammdaten der Artikel in die Betriebssoftware (ERP) eingeführt und Verpackungen (beispielsweise Milch- Tetrapackungen) vorbedruckt werden. «Es sind auch indirekte, nicht ohne Weiteres bezifferbare Kosten», vermutet Daniel Müller von GS1 Schweiz.
«Eingeübte Arbeitsabläufe und Prozesse müssen geändert und das Personal geschult werden. Das Bewährte erweist sich als Feind des innovativ Besseren.» Häufig wird die GS1-DataBar-Symbologie bereits totgeredet mit dem Argument, besser auf die übernächste Generation der Produktecodierung zu warten: die zweidimensionalen Datenträger, wie QR-Code und GS1 DataMatrix.
Inzwischen ist aber die Image-Scanner- Technologie verfügbar, die sowohl eindimensionale wie zweidimensionale Codes zuverlässig lesen kann. «Die Einführung einer neuen Datenträger- Generation bietet dem Handel bis dato offenbar keinen durchschlagenden Anwendungsbereich, der ausreichende Wettbewerbsvorteile oder genügend Kosteneinsparungen gegenüber den bewährten EAN-Symbolen verspricht», analysiert Daniel Müller die Situation.
Er vermutet, dass externe Faktoren (Konsumentenschutz, Gesetzgeber), die auf alle Partner in der Supply Chain ausstrahlen, die Dinge wieder ins Rollen bringen werden, wie es zurzeit in der EU mit den diversen neuen Regulierungen zur Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln der Fall ist.

Manuel Fischer
 

Der GS1 DataBar in Kürze
Die neue kompakte Strichcodesymbologie:
• erlaubt die schnelle elektronische Erfassung neuer Datenkategorien, wie der Charge und/oder des Mindesthaltbarkeitsdatums, an der Kasse;
• ermöglicht die Rückverfolgbarkeit auf Einzelproduktebene;
• eröffnet neue Einsatzgebiete im Frischebereich (Eier, Fleisch, Milchprodukte, Gemüse, Früchte, gekühlte Frische-Convenience usw.);
• gewährleistet die zweifelsfreie Zuordnung des Kassabons zu einem gekauften Produkt, was bei der Ermittlung von Garantiefällen ein zuverlässiges Instrument darstellt;
• unterstützt den Abverkauf der Ware durch variables und kurzfristiges Einsetzen (auch mehrmals pro Tag) von Preisnachlässen.




 

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